Re: Kommunikation

Marc, Thursday, 06.02.2003, 08:43 (vor 8467 Tagen) @ Jan-Gerd

Hallo Jan-Gerd,

In den beschriebenen Situationen bestand kein Anweisungsverhältnis, es waren
Vorschläge und keine Anweisungen.

Es kommt ja auch gar nicht auf das formale Verhältnis an, sondern auf das
sich aus der Situation ergebende. Oder vielmehr auf die Intention, den
Hintergrund der Situation selber. Du sagst selbst:

Ich glaube aber, daß die Enttäuschung, anstatt der erhofften Bestätigung nun
Verbesserungsvorschläge zu erhalten, eben bei vielen Frauen nicht gut
ankommt. Wenn ich einen längeren Text habe und ein Kollege findet nichts
daran auszusezten, dann bin ich enttäuscht, denn er hat sich nicht bemüht.
Er will mir nicht helfen, meinen Text zu verbessern.

Offensichtlich haben die Frauen, die Dir einen Text zum Kontrollelesen
geben, gar nicht die Absicht, von Dir Korrekturvorschläge zu bekommen!
Sie wollen nur die Bestätigung, dass sie ihre Arbeit gut gemacht haben.
Ein sozialer Akt, der den Zusammenhalt stärkt. Es geht nicht um den Text,
sondern es geht um euer Kollegenverhältnis. Kommst Du dann mit Kritik am
Text, dann schwächst Du in den Augen der Frau euer Verhältnis zueinander.
Es ist ein beziehungsorientiertes Denken. Wenn Du ihre Arbeit lobst,
festigst Du eure Kollegenbeziehung. Wobei ich glaube, wenn das Lob im
Vordergrund steht und noch einige kleine Änderungen einfließen, ist der
Gesamteffekt derselbe. Wobei es sehr auf den Ton ankommt, in den diese
kleinen Kritikpunkte vorgetragen werden.

Männer denken dagegen eher "objektorientiert", es geht um den Text. Durch
die Zusammenarbeit wird letztlich auch das Kollegenverhältnis gestärkt,
aber die Mittel sind ganz anders. In der Situation ist der Autor für kurze
Zeit der Untergebene und der kritisierende Kollege der Höhergestellte, weil
er ja ein Urteil über den anderen (bzw. dessen Arbeit) abgibt. Andererseits
ist der Autor der Höhergestellte, weil er ja die Hauptarbeit gemacht hat und
durch seine Aufforderung zur Korrektur den Leser zur Arbeit antreibt. Auch
diese Situation kann man also als Ritual zur Beziehungspflege sehen, nur
nutzt es ganz andere Mittel.

Gruß,

Marc


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