Re: Kommunikation

Jan-Gerd, Wednesday, 05.02.2003, 21:40 (vor 8462 Tagen) @ Marc

Hallo Jan-Gerd,

Das klingt nach den klassischen Kommunikationsasymmetrien, die es zwischen
Männern und Frauen leider immer gibt. Da würde mehr Wissen über die
geschlechtsspezifischen Kommunikationsstile uns allen helfen.

Das Wissen allein hilft noch nicht weiter. Bsp.: Den Text eines Kollegen
redigiere ich in 5 Minuten incl. Erklärung, warum ich was nicht gutfinde.
Ganz ohne Angst, das man mir was übel nimmt, denn eine kritische Betrachtung
ist ja schließlich gewünscht.
Die Texte von Kolleginnen redigiere ich nur noch ungern, das dauert ewig,
ihnen ganz vorsichtig rüberzubringen, was ich verbesserungswürdig finde und
am Ende sind sie noch beleidigt anstatt dankbar zu sein, daß ich mir die Zeit
nehme, ihnen zu helfen.

Ich habe doch das starke Gefühl, Du hast Dich mit den unterschiedlichen
Kommunikationsstilen von Männern und Frauen noch nicht beschäftigt, sonst
würdest Du nicht leugnen, dass dieses Wissen weiterhelfen würde.

Sicher haben die Geschlechter unterschiedliche Kommunikationsstile (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel), das Wissen darüber ist auch nützlich. Dennoch glaube ich nicht, daß die Kommunikation auch mit diesem Wissen so einfach und unkompliziert verlaufen kann wie unter Männern.

Ich kann
dazu das Buch "Du kannst mich einfach nicht verstehen" von Deborah Tannen
empfehlen. Sie legt die verschiedenen Stile dar, ohne einen zu bevorzugen
oder als den besseren herauszustellen. Im Gegenteil, sie macht sehr schön
deutlich, dass Männer und Frauen, um die gleichen Ziele zu erreichen,
grundverschiedene Mittel nutzen, die aber zumindest "geschlechtsintern"
gleichermaßen erfolgreich sind - nur an der "Schnittstelle" zwischen
den Geschlechtern kommt es eben genau zu solchen Mißverständnissen, wie
Du sie schilderst.

Das entspricht nicht meinen Erfahrungen. Am meisten Probleme in der Zusammenarbeit gab es in allen Firmen, in denen ich bisher gearbeitet habe, unter den Frauen selber. Manchmal kommt es mir so vor, als ob die sich lieben oder hassen, dazwischen gibt es wenig. Und diese Liebe kann auch untereinander schnell in Haß umschlagen. Mit zunehmendem Bildungsgrad wird es allerdings besser.

Männer organisieren ihre soziale Welt in Hierarchien, in denen die
Rangordnung die Hauptrolle spielt, Frauen dagegen in Netzwerken, in
denen die Nähe und Gemeinschaftlichkeit die Hauptrolle spielt. Wenn
Du einem Mann also gegenübertrittst und deine Korrekturen vorträgst,
akzeptiert er Dich in dieser Situation als den Höherstehenden und
nimmt deshalb Deine Kritik als gerechtfertigt hin.

Bei diesen von mir skizzierten Beispielen gab es zwischen den Beteiligten keine formalen Hierarchieunterschiede. Du magst Recht haben, daß Männer "hierarchischer denken", auch unter formal ranggleichen Kollegen. Hier ging es aber, das hätte ich vielleicht klarer herausstellen sollen, um Situationen, wo einfach der Kollege mal über den Text schauen sollte, ob man es an einen Dritten (Chef, Kunde, Internet usw.) weitergeben kann. Dazu bestand keine Verpflichtung, es ging um einen Gefallen, den man den Autorinnen und Autoren tut.

Eine Frau sieht solch direkte Kritik und das Sich-Höherstellen, das
der Kritisierende ausübt, in ihrer "Netzwerksicht" als Distanzierung
und somit als Vertrauensentzug. Wenn die gleiche Kritik nur in anderem
Ton vorgetragen wird, etwa in Form von Vorschlägen anstatt von
Anweisungen, und die Gesprächsatmosphäre die kollegiale Gemeinsamkeit
unterstreicht, statt hierarchische Unterschiede, wird die Frau in der
gleichen kurzen Zeit die gleiche Kritik auch an sich heranlassen und
nicht als persönlichen Angriff sehen.

In den beschriebenen Situationen bestand kein Anweisungsverhältnis, es waren Vorschläge und keine Anweisungen. Ich glaube aber, daß die Enttäuschung, anstatt der erhofften Bestätigung nun Verbesserungsvorschläge zu erhalten, eben bei vielen Frauen nicht gut ankommt.
Wenn ich einen längeren Text habe und ein Kollege findet nichts daran auszusezten, dann bin ich enttäuscht, denn er hat sich nicht bemüht. Er will mir nicht helfen, meinen Text zu verbessern.

Würdest Du hingegen einem Mann mit einem solchen Vorschlagsstil und
gemeinschaftlicher Atmosphäre kommen, dann würde er Deine Kritikpunkte
möglicherweise nicht ernst nehmen, weil sie ja nicht als Anweisungen
eines Höherstehenden verpackt waren und er denkt, er kann ganz nach
seinem Gusto verfahren.

Viele Chefs formulieren Anweisungen gerne als Vorschläge und unter Männern wie Frauen neigt man dann sehr stark dazu, diese Vorschläge auch zu berücksichtigen. Natürlich sieht man noch mehr Freiheitsgrade als wenn es eine direkte Bitte (Anweisung) wäre.

Frauen fehlt es eben an Sozialkompetenz und Kritikfähigkeit. Männer sind
dreimal pflegeleichter und letztlich viel produktiver.

Nimm mal Deine Scheuklappen ab... ich persönlich finde die konsensorientierte
"weibliche" Kommunikation viel stressfreier und fühle mich im allgemeinen
auch unter Frauen sehr viel wohler.

Ich habe schon viele Frauen kennengelernt, mit denen die Zusammenarbeit sehr produktiv war und viel Spaß gemacht hat. Das vorweg. Aber, und das gilt für beide Geschlechter, je empfindlicher und weniger direkt ein Mensch ist, desto zeitraubender ist er einfach. Was uns allen im Büro fehlt, ist Zeit, angesichts des anstehenden Arbeitspensums. Und was bedeutet denn "konsensorientiert"? Natürlich ist das schön, wenn man von vornherein einer Meinung ist oder schnell einen guten Kompromiß findet. Aber oftmals wird heiß diskutiert, jeder kämpft um seine Idee, und das ist auch gut so. Nur so wird das Ergebnis besser. Ohne anschließenden "Konsens", das heißt, man hat die anderen überzeugt und sie stimmen zu, kann man im Team sowieso nicht zu einem Ergebnis kommen.
Die "Konsensorientierung" vieler Frauen auch untereinander erlebe ich immer wieder: Die Arbeiten und Vorschläge der anderen werden zu schnell hingenommen, kontroverse Diskussionen finden nicht statt, dementsprechend schwach sind viele Ergebnisse.

Jan-Gerd


gesamter Thread: