Re: Geschlechtsidentität
Hi Michael,
auf den ersten Blick ist diese Theorie bestechend logisch. Aber ich glaube nicht, dass das der Grund ist, warum Männer sich mit bestimmten Kleidungsstücken so schwer tun.
Erstens ist IMHO in der Kindheit bis zum Eintritt der Pubertät noch keine tiefgreifende innere Geschlechtsidentifikation vorhanden, natürlich von der Entwicklung der männlichen Geschlechtsorgane abgesehen. Das Verhalten der Jungen in der vorpubertären Lebensphase wird ausschliesslich von äusseren Einflüssen bestimmt, von erwachsenen Vorbildern und gleichaltrigen Jungen (Freunden, Spielkameraden). Sicher entwickeln Jungen wie Mädchen schon früh eine eigene Identität, aber diese ist mehr interessenbezogen als geschlechtsbezogen. Erwachsene Vorbilder beeindrucken (Lokomotivführer, Kapitän, Astronaut), während Mädchen einfach nur "doof" sind, weil sie bei den Jungen noch kein Interesse erwecken. Erst in der Pubertät, mit Einsetzen der Wirkung männlicher Hormone, ändert sich das. Daher kann ich dem Satz "Frauen sind einfach Frauen, während Männer sich zu Männern machen." so nicht zustimmen. Jungen werden durch die Pubertät zu Männern, ob sie wollen oder nicht.
Dass die Männer solche Probleme mit der Kleidung haben, liegt m. E. woanders begründet. Da es leider so ist, dass die Männer um die Frauen "werben" müssen (finde ich bescheuert), versuchen sie, durch Aufbau von "Männlichkeitsfassaden" bei den Frauen Eindruck zu machen. Da sie in Konkurrenz zu anderen Männern stehen, wird versucht, diese Fassaden immer höher als die Konkurrenten zu bauen. Daraus erklärt sich dann das typische "Balzverhalten" in Form von tiefergelegten Autos mit Auspuffrohren wie Mülltonnen und verziert mit unglaublich viel Schnickschnack. Würde ein Mann einen Rock tragen, würde er diese Fassade, diese Männlichkeitskulisse, zu der er seine Hose zählt, beseitigen und befürchtet, von den Frauen nicht mehr als "vollwertiger Mann" erkannt zu werden (mangelndes Selbstwertgefühl). Dabei weiss er nicht, dass gerade selbstbewusste, intelligente Frauen wenig von dieser Fassadenangeberei halten und diese leicht durchschauen. Um so mehr sind sie aber von einem von sich selbst überzeugten Mann angetan, der einen Rock trägt, weil er es will, weil es ihm so gefällt, weil er sich darin wohlfühlt, weil er diesen Frauen unbewusst damit signalisiert: Ich bin von Natur aus ein Mann, ich habe es nicht nötig, mich mit Kulissen und Fassaden als Mann darzustellen, ich brauche das nicht, weil ich ein Mann bin und ihn nicht vorspiegeln muss. Das erklärt den Erfolg, den wir rocktragenden Männer bei Frauen haben. Wenn wir dann noch eine stilvolle persönliche Note da reinbringen, dann stechen wir jeden möchtegern-Schumi aus und verweisen ihn auf die Plätze.
Aber noch ein anderer Aspekt spricht gegen diese Theorie. Wie Du selbst in diesem Beitrag schreibst, haben Männer ja nicht immer Hosen getragen. Früher haben Männer und Frauen rock- oder kleidähnliche Gewänder getragen und in vielen Ländern der Erde tragen Männer auch heute Röcke (Schottland, Fiji-Inseln und andere). Dort durchlaufen sie aber dieselben Phasen ihrer Kindheit wie europäische Jungen. Offensichtlich brauchen diese Menschen den "Hosenfetischismus" (ich nenne das jetzt mal ganz frech so) nicht für ihre Mannwerdung. Daher halte ich die in dem Buch aufgestellte Theorie - so interessant sie auch sein mag - für nicht richtig.
Die Scheu vor Kleidung, die überwiegend von Frauen benutzt wird, leitet sich m. E. von der Sozialisation ab, die permanent während der ganzen Kindheit und auch später noch auf den Menschen einwirkt und die der Kleidung eine Bedeutung zumisst, die ihr nicht gebührt. Dass Frauen auf dem umgekehrten Weg, den sie zur Eroberung der "Männerkleidung" eingeschlagen haben, diese Probleme nicht haben, erkläre ich damit, dass Frauen nicht um die Männer werben müssen und daher die Fassadenbauerei nicht nötig haben. Hinzu kommt, dass sie über natürliche körperliche Eigenschaften verfügen (Hüllkurven), mit denen sie auch so die Männer beeindrucken können.
Viele Grüsse,
Ferdi