Re: Kleidung und Geschlecht

Ferdi, Monday, 14.10.2002, 10:36 (vor 8573 Tagen) @ Wolfgang

Guten Morgen, hallo Wolfgang!

Daß Kleidung an sich geschlechtsneutral ist, ist womöglich auch nur ein Marketingspruch aus der Ecke der "röckchentragenden Männer" (so wie sicherlich einige gesellschaftsbildende Menschen über uns denken).

Nein, das ist eine Tatsache, die uns von den hosentragenden Frauen permanent vorgeführt wird.

Naja, ich gebe Dir recht, sofern keine geschlechtsspezifische Funktion zu erfüllen ist, erscheint Kleidung für sich grundsätzlich geschlechtsneutral. Doch um dies zu ergründen, müßte man einen tiefgehenden philosophischen Diskurs führen.

Kann man ruhig machen, für mich ist so ein Diskurs aber nicht relevant.

Richtig. Ohne Änderung wäre Stagnation. Deswegen braucht Mode neue Ideen, wenn sie sich wandeln soll.

Das findet meine Zustimmung. Wir haben nicht nur neue Ideen, wir setzen sie auch um.

Wenn einer aus der Gewohnheit ausbricht, dann ist er KEIN Vorreiter. Sondern: Er ist Ausreißer! Ob er Vorreiter wird, hängt davon ab, inwieweit er andere inspiriert.

Stimmt auch. Ob man Vorreiter ist hängt davon ab, ob jemand hinterher reitet. In vielen Fällen passiert das, nicht zuletzt auch wegen Foren wie diesem.

Wie kann ein Ausreißer andere mitreißen? Da gäbe es zwei denkbare Extreme:
[quote]1) Er weicht von der "Gewohnheit" nur minimal ab, so daß die Abweichung für andere auch noch nachvollziehbar sein könnte.
2) Er weicht enorm von der "Gewohnheit" ab, so daß sein Ausreißen augenfällig wird und möglichst von jedem wahrgenommen wird.
[/quote]

Beides kommt vor und beides ist in Ordnung. Wie weit jemand "ausreisst" hängt von dem Betreffenden selbst ab. Da hat er alle Freiheitsgrade, so lange er nicht mit Gesetzen in Konflikt kommt.

Es ist schwierig, beide Möglichkeiten in ihrer Wirkung gegeneinander abwägen zu können. Ich tendiere eher dazu, daß Möglichkeit 1) die effektivere ist. Meiner Meinung nach ist es leichter, jemanden für nur einen kleinen Schritt von seiner Gewohnheit wegzubewegen und ihm diesen vorzuführen.

Will ich das überhaupt? Ich tue etwas in erster Linie, weil mir das zusagt und gefällt. Folgen mir andere, ist das eine sehr erwünschte und angenehme Nebenwirkung.

Jemanden dazu zu motivieren, mehrere Schritte von seiner Gewohnheit wegzubewegen, sollte statistisch gesehen wesentlich schwerer fallen. Geht man als Extremausreißer-Beispiel voraus, gibt man ein Beispiel ab, das nur mit sehr viel mehr Mühe erreicht werden kann.

Ist für mich nicht erstrangig. Wie weit mir jemand folgt, hängt von seinem Selbstbewusstsein und seinem Willen ab, da habe ich keinen Einfluss drauf und habe auch keinen Einfluss zu nehmen, weil es mich letztlich nichts angeht.

Motiviert ein Extremausreißer den Betrachter, sich nur ein kleines Schrittchen in seine Extreme zu bewegen? Wahrscheinlich eher nicht. Aus zwei Gründen:
[quote]a) Menschen wollen lieber ein Beispiel sehen, woran sie sich orientieren können. Ein Extremausreißer ist zu weit draußen, also unerreichbar.
b) Ein Extremausreißer distanziert sich sichtlich von der "Gewohnheit". Es fällt der Allgemeinheit wesentlich schwerer, ihn als der Gesellschaft zugehörig anzusehen. Ein Exot mag interessant und attraktiv erscheinen. Aber nicht attraktiv, ihm in seine Richtung zu folgen.
[/quote]

Das klingt logisch. Aber dann muss man definieren, was ein "Extremausreisser" ist. Ein rocktragender Mann ist kein Extremausreisser, weil hosentragende Frauen auch keine Extremausreisser sind.

Jeder von uns weicht von der Gewohnheit mehr oder weniger stark ab. Und das nicht beständig, sondern mal mehr, mal weniger.
[quote]Wir propagieren, jeder soll das anziehen, in dem er sich wohlfühle. Das ist richtig. Aber das ist auch Wunschgedanke.
[/quote]

Wieso ist das Wunschgedanke? Sowohl Du als auch ich und viele andere ziehen das an, worin sie sich wohlfühlen. Also kein Wunschgedanke sondern Fakt.

Wollen wir dauerhaft von unseren Mitmenschen, der Gesellschaft (dem Kollektiv unserer Mitmenschen) anerkannt werden (d.h. wollen wir auf Dauer keine Exoten bleiben), dann sollten wir einen Kompromiss finden zwischen dem, was wir gerne tragen würden, und dem, was die Gesellschaft ertragen kann.

Widerspricht meinen eigenen Erfahrungen. Ob ich von meinen Mitmenschen, mit denen ich im täglichen Leben in Kontakt komme, anerkannt werde hängt von allem möglichen ab, aber absolut nicht von meiner Kleidung. Eigene Erfahrung, die Du nach Deinen eigenen Erzählungen auch gemacht hast, z. B. an Deinem Arbeitsplatz.

Nochmal: ...und dem, was die Gesellschaft ertragen kann. Wenn die Gesellschaft hosentragende Frauen ertragen kann, dann kann sie auch röcketragende Männer ertragen. Und das ist nicht ganz was anderes (!), sondern genau dasselbe! Die Gesellschaft erträgt doch ganz andere Dinge. Dagegen ist das wohl doch ein Klacks!

Gruss,
Ferdi

PS: Du brauchst Dich doch nicht für Deine interessanten Äusserungen zu entschuldigen!


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