Re: Kleidung und Geschlecht

Wolfgang, Monday, 14.10.2002, 01:49 (vor 8581 Tagen) @ JürgenB

[quote]Meine Gedanken sind bislang jedenfalls, daß Kleidung grundsätzlich geschlechtsneutral ist, ausgenommen Bekleidung die bei dem einen Geschlecht eine Funktion zu erfüllen hat die es beim anderen nicht erfüllen kann. Alles andere ist Marketing und / oder Gewohnheit. Wobei, wenn Gewohnheiten sich nicht ändern würden gäbe es nie eine neue Mode! Wenn einer aus diesen Gewohnheiten ausbricht, ist er halt eben Vorreiter. Womit er dabei den gewohnten Weg verläßt, ist grundsätzlich Geschmackssache, und über Geschmack läßt sich nicht streiten. [/quote]

Daß Kleidung an sich geschlechtsneutral ist, ist womöglich auch nur ein Marketingspruch aus der Ecke der "röckchentragenden Männer" (so wie sicherlich einige gesellschaftsbildende Menschen über uns denken).

Naja, ich gebe Dir recht, sofern keine geschlechtsspezifische Funktion zu erfüllen ist, erscheint Kleidung für sich grundsätzlich geschlechtsneutral. Doch um dies zu ergründen, müßte man einen tiefgehenden philosophischen Diskurs führen.

Richtig. Ohne Änderung wäre Stagnation. Deswegen braucht Mode neue Ideen, wenn sie sich wandeln soll.

Wenn einer aus der Gewohnheit ausbricht, dann ist er KEIN Vorreiter. Sondern: Er ist Ausreißer! Ob er Vorreiter wird, hängt davon ab, inwieweit er andere inspiriert.

Wie kann ein Ausreißer andere mitreißen? Da gäbe es zwei denkbare Extreme:

1) Er weicht von der "Gewohnheit" nur minimal ab, so daß die Abweichung für andere auch noch nachvollziehbar sein könnte.

2) Er weicht enorm von der "Gewohnheit" ab, so daß sein Ausreißen augenfällig wird und möglichst von jedem wahrgenommen wird.

Es ist schwierig, beide Möglichkeiten in ihrer Wirkung gegeneinander abwägen zu können. Ich tendiere eher dazu, daß Möglichkeit 1) die effektivere ist. Meiner Meinung nach ist es leichter, jemanden für nur einen kleinen Schritt von seiner Gewohnheit wegzubewegen und ihm diesen vorzuführen.

Jemanden dazu zu motivieren, mehrere Schritte von seiner Gewohnheit wegzubewegen, sollte statistisch gesehen wesentlich schwerer fallen. Geht man als Extremausreißer-Beispiel voraus, gibt man ein Beispiel ab, das nur mit sehr viel mehr Mühe erreicht werden kann.

Motiviert ein Extremausreißer den Betrachter, sich nur ein kleines Schrittchen in seine Extreme zu bewegen? Wahrscheinlich eher nicht. Aus zwei Gründen:

a) Menschen wollen lieber ein Beispiel sehen, woran sie sich orientieren können. Ein Extremausreißer ist zu weit draußen, also unerreichbar.

b) Ein Extremausreißer distanziert sich sichtlich von der "Gewohnheit". Es fällt der Allgemeinheit wesentlich schwerer, ihn als der Gesellschaft zugehörig anzusehen. Ein Exot mag interessant und attraktiv erscheinen. Aber nicht attraktiv, ihm in seine Richtung zu folgen.

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Jeder von uns weicht von der Gewohnheit mehr oder weniger stark ab. Und das nicht beständig, sondern mal mehr, mal weniger.

Wir propagieren, jeder soll das anziehen, in dem er sich wohlfühle. Das ist richtig. Aber das ist auch Wunschgedanke.

Wollen wir dauerhaft von unseren Mitmenschen, der Gesellschaft (dem Kollektiv unserer Mitmenschen) anerkannt werden (d.h. wollen wir auf Dauer keine Exoten bleiben), dann sollten wir einen Kompromiss finden zwischen dem, was wir gerne tragen würden, und dem, was die Gesellschaft ertragen kann.

Gruß,
Wolfgang

P.S.: "was die Gesellschaft ertragen kann" meint, daß einzelne der Gesellschaft in uns nachvollziehbare Beipiele sehen, um auch sich ein wenig aus der Gewohnheit herauszubewegen. Der Kompromiss, den ich ansprach, ist also ein Kompromiss zwischen dem, was wir gerne tragen würden, und dem aus Möglichkeit Nummer 1) (also: von der "Gewohnheit" nur ein Schrittchen entfernt)

P.P.S.: Sorry für meine nächtlichen Ergüsse...!


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