Hamburg geschockt - Mann im Rock verunsicherte ahnungslose Passanten
Hallo,
ich habe also tatsächlich meine Drohung wahrgemacht und bin mit meiner Freundin einen Tag lang Hand in Hand durch Hamburg gelaufen.
Unser Trip begann ab Uelzen. Dort stiegen wir in eine RE zu und ich zog mich auf Toilette um. Ich trug das zweite Modell von H&M; (lang, leicht glänzend), eine schwarze Strumpfhose (blickdicht) und braune Schuhe in der Art, wie sie zum Anzug passen. Dazu ein vornehmes Oberhemd mit einer Seidenkrawatte mit Dinomotiv (Unikat). D.h. also oben vornehmes Anzug-Outfit und ab Hüfte abwärts der Schock. Dabei haben wir natürlich darauf geachtet, daß alles farblich zueinander paßt. Haare ordentlich gekämt, Vollbart und sonst auch sehr gepflegt.
So kam ich nun zurück in unser Großraumabteil. Die Zuggäste benahmen sich ganz nach feiner englischer Art: "Tun wir so, als hätten wir es nicht gesehen - After Eight". Lediglich ein Mann versuchte aus einem hinteren Sitzteil aus ein paar Blick auf meinen Knöchel noch zu erhaschen, da ihm ansonsten die gesamte Sicht versperrt war. Er trug übrigens einen Zopf. Wenn er also etwas gesagt hätte, hätte ich schon den passenden Contraspruch auf Lager gehabt.
Nächster Halt: Hamburg Hbf.
Wir stieg aus. Meine Freundin bemerkte schon beim Aussteigen die Blicke der Leute. Mir entgingen viele Blicke, denn wenn man auf die Leute zugeht, sehen viele weg, doch hinter einem drehen sie sich um. Wir gehen an der Hauptverkehrsstraße Richtung Innenstadt (Karstadt, C&A;, H&M; die Richtung usw.). Wir hatten Hunger und ich kannte einen guten und preiswerten Asiaten. Ich dachte bislang, daß die Asiaten solche Art Kleidung gewohnt sein mußten. Aber das Personal machte größere Augen als die deutschen Gäste. Ich habe bereits als junger Mann in der Gastronomie gearbeitet und gelernt möglichst selbstbewußt aufzutreten, wenn man im Straßencafe über den Platz rennt. Denn auch da wird man immerzu von den Gästen angestarrt (aber aus dem Grund, weil jeder etwas von einem will (Kellner bezahlen, noch ein Bier usw...)) Ich habe festgestellt, daß diese Arbeit mich auf diese Situation sehr gut vorbereitet hatte. Wie gewohnt ging ich also mit meiner Freundin in das Selbstbedienungsrestaurant, wählte aus und wir setzten uns an einen Tisch vor dem Lokal. Essen, bezahlen, Leute gaffen usw.
Nächster Programmpunkt: H&M;
Wir gingen wieder die Straße zurück. Kommen bei Mac Donalds vorbei. Eine Gruppe Mädchen im Teengeralter stehen davor. Erst - ungläubige Blicke, dann (wir sind schon vorbei) schreien die Mädchen hinter uns "Iiih, hast Du das gesehen? Ein Mann im Rock." Wir gehen weiter, denn auch wir tun so, als hätten wir nichts bemerkt. Dann: H&M; Wir fragen die Verkäuferin ob sie noch den gleichen Rock in "s" dahaben. Sie ist überhaupt nicht erstaunt, sondern gibt stolz bekannt, daß alle Röcke ausverkauft wurden.
C&A;: Erst Schock - dann Jubel!
Unweit von H&M; befindet sich C&A.; Wir gehen rein. Vor dem Eingang eine türkische Familie. Guckt weniger erstaunt, und zwar so, als wollten sie sagen: "Naja, wir sind ja auch nicht der allgemeinen Kleiderordnung angepasst. Dann kann er eben im Rock laufen." Wahrscheinlich hätte ich auch das gesagt, wenn mir blöde Sprüche entgegengekommen wären. Wir gehen in das Untergeschoß und suchen dort eine Verkäuferin auf, der wir die aus dem Internet ausgedruckte Seite des C&A-Herrenrocks; zeigen.
Verkäuferin (V)"Ne, haben wir nicht. Davon weiß ich auch nichts."
Wir "Ja, aber der Ausdruck zeigt es doch??!!"
V "Ja, da muß ich dann erstmal nachfragen."
V ruft: "Aaaaastrid, komm mal. Weiß Du etwas von Herrenröcken?"
Situation kommt mir wie bei Asterix und Obelix vor (keiner weiß was und bringe das ganze System durcheinander)
2. Verkäuferin: "Ne Du, davon weiß ich nichts. Ich frage mal die Abteilungsleiterin. (AL) Gaaaaaabi. Komm mal. Weißt Du etwas von Herrenröcken?"
AL: "Wieso Herrenröcken? Wie was?"
2. V: "Der Kunde hat hier einen Ausdruck aus dem Internet. Wir würden Herrenröcke kaufen."
AL (sichtlich sauer): "Na toll, und mir sagt wieder keiner was. Dabei habe ich Herrn (sowieso) schon hundertmal gesagt wir müssen die auch einkaufen. Aber die in der Bestellabteilung glauben mir einfach nicht."
Dann sieht die AL mich. "Toll, schick! Ich find das einfach toll, wie sie aussehen. Ich habe das auch schon hundertmal den Leuten gesagt, daß wird der neue Renner der Saison."
Nun ja, lange Rede kurzer Sinn. Bei C&A; waren die Verkäuferinnen ganz aus dem Häuschen.
NÄCHSTER PUNKT: KARSTADT
Wir fragen in der Strumpfhosenabteilung nach den Wolford Herrenstrumpfhosen. Sind vorrätig. Die Verkäuferin ist einfach fasziniert von meinem Anblick. Dann sagt sie, sie hätte ihrem Mann die Strumpfhosen auch schon mal andrehen wollen. Erst große Ablehnung (ich bin doch ganzer Kerl usw.) und nun mag er sie gar nicht mehr ausziehen. Übrigens: Die Herrenstrumpfhosen sind im letzten Winter auf den Markt gekommen. Im selben Haus hatte eine Nachfrage damals ergeben, daß die Strumpfhosen (genau wie die H&M-R;öcke) binnen einer Woche ausverkauft waren.
Nächster Punkt: Olymp und Hades
Ihr erinnert Euch sicherlich an den Blitz-Beitrag letzer Woche im Fernsehen? Zwei Models laufen übern Jungfernstieg in HH und ein Verkäufer, (eingeblendet wurde Andre Kohnen) der selber einen Rock und kniehohen Stiefel trug, erzählte der faszinierten Reporterin, daß das der Hit jetzt sei.
Wir haben die Anschrift rausbekommen und machten uns auf den Weg dorthin. Ich brauche wohl nicht groß zu erzählen, was wir alles auf den WEg dorthin erlebt haben. (Männer blickten dezent oder auch empört weg. Frauen kreischten, winkten uns zu jubelten)
Olymp und Hades bot ca. 5-6 Modell an. Die meisten gefielen mir nicht. Reine Geschmackssache. (u. a. Röcke mit Hosen
Aber es sollte jeder selber mal reingucken. Besuch lohnt sich immer) Das Modell, daß mir gefiel war eigentlich gar nicht so teuer (108 DM) Aber ab der Preislage aufwärts wollten wir einfach uns nochmal umsehen. Ich traf den Chef persönlich und der Verkäufer meinte, daß die dortige Kollektion nur die "Spitze des Eisbergs" sei. Ich "zwei bis drei" Jahren würde jeder Mann in ganz Hamburg so rumlaufen. Ich habe ehrlich gesagt, seinen Opitimismus bewundert. Aber nun ja, warum eigentlich nicht. Vielleicht haben einfach das Glück zum richtigen Zeitpunkt auf der Welt zu sein. Mein Opa hats leider nicht mehr miterleben dürfen.
Den Rest des Tages verbrachten wir mit Schaufensterbummel, Freundin wollte auch in Schuhgeschäfte rein, und Cafe-Auffenthalten.
Bei Olymp + Hades trafen wir noch eine Frau am Ausgang im Kassenbereich. Meine Freundin und ich drehten uns um und de Frau lächelte und hebte den Daumen zur Bestätigung.
Weiter in der Fußgängerzone (Fuszo) gingen wir an zwei junge Damen vorbei. Die eine in Hosen, die andere im kurzen Rock. Die Frauen lächelten mich an und sagten "Schick!" Sie meinten es durchaus ernst.
DER DURCHBRUCH IM KAUFHAUSRESTAURANT
Wir waren dann im Kaufhausrestaurant. Mir gegenüber saß meine Freundin, hinter ihr am Nebentisch ein älteres Ehepaar (Rentneralter). Die Frau sah mich ständig an. Ihr Blick erschien mir böse. Plötzlich stand sie auf und kam an unserem Tisch:
"Entschuldigen sie. Darf ich ihnen mal was sagen?"
Uns blieb der Kloß im Hals stecken.
"Ich finde daß, was sie da tragen todschick. Wirklich, das meine ich ernst. Sie haben die Figur dafür, ihre Kleidung ist auf den Rock abgestimmt: Es paßt einfach alles zueinander. Weiter so. Ich habe früher selber in der Modebranche gearbeitet und hätte mich gefreut, wenn so etwas schon zu meiner Zeit möglich gewesen wäre."
Ihr Mann blieb an ihrem Tisch sitzen. Die Frau verabschiedete sich höflich von uns und ging wieder. Meine Freundin und ich sahen uns mit verblüfften Augen an.
Im Cafe - "Mein Junge Du kommst zu spät!"
Wir hatten noch etwas Zeit bis der letzte Zug gegen 20:54h aus HH wieder zurückfuhr und suchten ein Bistro auf. Wir setzen uns draußen hin und ich wollte kurz rein um ein Örtchen aufzusuchen. Ich kam direkt auf den Tresen zu. Hinter dem Tresen standen Angstellter und Chef. Alle Angestellten trugen lange weinrote Schürzen im Stil von H&M-Rock.; Am Tresen saßen drei oder vier weitere Männer. Bierglas vor sich. Eben Stammtisch! Ich kam wie gesagt rein und wollte nach den Toiletten fragen. Noch bevor ich was sagen konnte, sagte der eine Kellner.
"Mein Junge, Du kommst zu spät. Dienstbeginn war um 20 Uhr." Ich hielt es für einen Scherz. Aber wie gesagt. Ich komme selber aus der Gastronomie und mich kann nichts so leicht umhauen.
"Ja," sagte ich, "ich bin ja auch heute nicht da, um zu bedienen, sondern um mich bedienen zu lassen."
Daraufhin der Kellner, wurde ganz ernst und dann. "Oh, Entschuldigung. An welchem Tisch sitzen sie draußen?"
Ich: "He Leute, ich habt mich doch nicht wirklich für einen von Euch gehalten???" Und fragte mich, ob die Ihr eigenes Personal nicht mehr kennen würden. (Vielleicht ein typischer Fall von Hire & Fire)
Daraufhin beugte sich der Chef über den Tresen: "Ist das ein Rock oder eine Schürze." Ich: "Na ein Rock, was sonst?" Die drei Bierprolis lachen dazu. Ich: "He, damit ihr klar sieht, daß ist ein ECHTER Herrenrock von H&M.; Der IST für Männer." Darauf der eine von den dreien. "Jaja, da hat er recht, daß habe ich in der Bild gelesen. Das stimmt. Das ist jetzt Mode." (Innerlich bin ich der Bildzeitung das erste mal in meinem Leben dankbar gewesen, auch wenn ich sonst mit deren Berichterstattung nicht einverstanden bin.)
Dann ein anderer von den dreien: "Höhö, da muß er aber aufpassen die Keramik beim Pinkeln zu treffen." Ich: "Guuuuut, daß Du daß sagst. Wo sind denn hier eigentlich die Toiletten."
Nun gut, dann konnte ich mich endlich auf dem Örtchen befreien.
Daß die Gäste im Straßencafe draußen auf mich gestarrt haben, brauche ich wohl nicht sonderlich zu erwähnen.
DIE RÜCKFAHRT - KRÖHNENDER ABSCHLUSS
Als wir im Zug wieder saßen, saß uns im Großraumabteil eine diplomierte BWL-lerin gegenüber. Lächelte und wir kamen ins Gespräch. Sie wollte wissen, wie die Leute reagiert hätten. Wir erzählten. Dann fragte sie nach den Gründen für die unterschiedlichen Resonanzen zwischen Mann und Frau. Ich erzählte, daß ich davon ausgehe, daß Männer wohl Angst hätten Kompetenzen abzugeben. Schließlich sind Frauen durch das Tragen von Hosen in männliche Kompetenzbereiche vorgestoßen. Dadurch fühlte sich der Mann zurückgedrängt. Denn die Entwicklung lies sich nicht aufhalten. Aber das man(n) Rock anzieht, würde demnach einer Kapitulation vor der Emanzipation der Frau für einige Männer gleichkommen. Das würde zumindest ansatzweise das zurückhaltende Verhalten der Männer erklären. Hinzu käme wohl noch die unterschiedliche Erziehung. Männer würden durch ihre Erziehung geradezu auf männliches Verhalten getrimmt. Dazu gehöre dann auch, sich von weiblichen Domänen fernzuhalten, wenn man(n) nicht als "Schwuchtel" bezeichnet werden möchte. Einfach, aber dafür undifferenziert ausgedrückt: Einige Männer scheinen wohl Hosen und Bierbüchsen einfach zur Selbstbestätigung ihrer Männlichkeit zu brauchen.
Übrigens: Angeblich sind ja die Südländer die größten Machos. Wir haben an dem Tag die gegenteilige Erfahrung gemacht. Ein Grieche meinte. "Wieso? Bei uns ist das sogar eine Ehrenuniform." (Weiße Strumpfhosen und weißer Faltenrock mit Bluse.)
Der Mann, der hinter uns im Zugabteil saß schüttelte während unserer Diskussion ständig den Kopf und schlug die Hände über denselben zusammen. Anscheinend konnte er wohl unsere recht schlüssigen Argumente nicht verkraften. Sein Problem! Die BWLerin stieg in Uelzen aus und meine Freundin und ich lachten uns an und dachten das gleiche. Nämlich, daß sie wohl ihrem Freund demnächst (ähnlich der Verkäuferin bei Karstadt) einen Herrenrock andrehen wird. Wir sahen jetzt schon seinen verblüfften Blick vor unserem geistigen Auge.
Nun, ab Uelzen zog auch ich mich wieder um und heute sitze ich hier in der Uni, schreibe dieses Posting in ganz normalen Hosen und laufe wieder im uniformierten Gleichschritt der Masse mit. 
Aber eines Tages, da
Bleibt noch eines zu sagen. Ich habe an diesem Tag meine Freundin um einiges mehr schätzen gelernt und glaube, daß ich mich wohl sehr glücklich schätzen kann, eine so tollerante, weltoffene, intelligente Frau zu haben, die frei vom Dünkel irgendeines Normdenkens ist. Ich möchte mich auf diesem Wege bei meiner Freundin für diesen schönen Tag bedanken und ihr meine Hochachtung aussprechen.
In diesem Sinne, Euer Rumpelstielzchen.
PS: Sie fragte mich gleich nach unserer Rückkehr, wann wir das nächste mal wieder nach Hamburg fahren würden. 