Aschaffenburg
Hallo,
immer wieder lese ich in diesem Forum von "Erstlingsberichten", also Männern wie Du und ich, die erstmals im bequestem männlichen Kleidungsstück die Öffentlichkeit aufsuchen.
Hier gleich ein solcher Bericht von mir.
Allerdings muß ich vorwegschicken: Ich habe bereits ca. 1971 erstmals freiwillig einen Rock getragen (obwohl "männlich geboren") ... Ich habe im Zuge umfassender Renovierungsarbeiten uralte Dokumente gefunden - Dokumente, die in den Zeiten, bevor Internet breitenwirksam erfunden war, das ersetzten, das heutzutage eben das Internet zu leisten imstande ist.
Mit anderen Worten: Das, was andere ... und auch ich ... heute im Internet, speziell in diesem Forum betreiben, das erledigte ich damals mit Stift und Paper. Und genau dieses Papier ist mir heute begegnet.
Nachfolgend (aus Zeit- und Alkoholgründen) nur ein Auszug aus meinem geistigen Machwerk von damals. Ich trage mich tatsächlich mit dem Gedanken, in absehbarer Zeit das gesamte Fundgut im Internet zu veröffentlichen. Mal sehen. ... Hier jedenfalls ein kurzer Auszug, angeregt von der Meldung von Wolli (in diesem Forum) über seine Erlebnisse während seines Landgangs in Aschaffenburg in jüngster Zeit. Nicht mehr ganz so jüngste Zeit also hier in einer Rezitation eines Teils meiner geistigen Ergüsse von damals:
(interessant, wie ich damals so naiv und für mein Alter relativ rückständig mich geäußert habe; heute kann ich durchaus darüber schmunzeln; letztendlich aber ist alles doch recht tragisch, weil nämlich die Unterdrückung des Mannes in puncto kleidungstechnischer Selbstbestimmung massivst zum Ausdruck kommt):
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"Jahresabschluß 88
Das Ende des Jahres rückt heran und damit auch eine Phase, in der ich für ca. 2 Wochen nichts rockmäßiges unternehmen kann. Deshalb nutzte ich die letzten Tage nochmals, nachdem ich seit Oktober nur noch zum Wandern Röcke getragen habe. Zunächst mußte die Umstellung von Sommer/Herbst auf Winter bewerkstelligt werden. Dazu kaufte ich mir einen bis zum Oberschenkel reichenden schwarzen Pullover (um die Winterjacken zu umgehen) und Schuhe (braun, Leder, rustikal, für 5,- Mark), um auch die Tage ohne Halbstiefelzwang nutzen zu können. Nun kramte ich die schwarzen Leggins aus und stürzte mich in die Aktion. Den äußeren Umständen entsprechend gab es leider nur sehr wenige Verweiklichungsmöglichkeiten. (Es sollte mal umfassend gebügelt werden). Ich landete in dem Einkaufszentrum von Aschaffenburgs Innenstadt. Ich hatte nichts anderes gefunden als den schwarzen Jeansrock, der eigentlich doch zu eng ist. Und so kostete es einiges an Überwindung, bis ich mich allerdings etwas unsicher in das öffentliche Leben und Treiben begab. Ich lief durch die Gallerie und durch Kaufhäuser. Mein Ziel war, irgendwo etwas zu essen. Ich hatte den ganzen Tag tatsächlich nichts außer dem spärlichen Frühstück gegessen, um mich so dazu zu zwingen, zum ersten Mal öffentlich im Rock Nahrung aufzunehmen. Meine Wahl fiel auf das Restaurant im Kaufhof und dort auf Spaghetti bolognese. Das ausländische Mädchen an der Theke, das mit großer Offenheit mir begegnete, mußte erst in der Küche nachfragen, ob´s das überhaupt noch ausgegeben wird, da mittlerweile schon kurz vor 18 Uhr. Ja, es gab´s noch. Und dann habe ich mich zum allerersten Mal im Rock in ein Restaurant gesetzt. Ich wurde bedient von einer mittelalten Frau, die sich ein wenig reserviert verhielt, was aber vielleicht auch an der Feierabendnähe gelegen haben kann. Leider waren kaum noch Leute da. Und die wenigen gingen allmählich. Die Spaghetti vor allem die Sauce hat absolut ekelhaft geschmeckt. Beim Verlassen des Trubels sind mir kurze Zeit mehrere halbstarke Jungs laut lachend gefolgt zwar in einiger Entfernung, aber dafür umso lauter.
Das war Aschaffenburg im Dezember 88. Da mich dieses Erlebnis längst noch nicht ausreichend befriedigte, plante ich weiteres. Da besann ich mich des weiten, jugendlichen Rocks (Metzen), da recht stürmisch, und fuhr wie könnte es anders sein nach Bruchsal. Die restliche Kleidung wie gehabt. Da es sich hierbei eher um eine Anti-Demonstration handeln kann, parkte ich außerhalb und wollte mich zu Fuß, langsam drangewöhnend, mich zur Innenstadt vorschlagen. Doch leider war es recht stark außerhalb und mittlerweile doch windmäßig recht harmlos. Eigentlich wollte ich auch hier etwas essen, aber erstens war es schon gerade halb sieben und außerdem genierte ich mich in dieser Kleidung doch recht stark. Sinn und Zweck dieses Ausflugs war vor allem das emotionale Erleben, d.h. daß durch Einwirkung des Windes der Rock plötzlich hochgehoben wird. In einer Stadt ist das viel wahrscheinlicher, da sich der Wind fangen muß, auf freiem Feld dies zu erreichen, ist es fast unmöglich. Außerdem fehlen da die potentiellen Zuschauer, die erst so richtig einem das prickelnde Gefühl des Risikos vermitteln. Und genau das war es, was ich suchte, die Gefahr, jeden Moment relativ frei dastehen zu können und vielleicht ergebnislos dagegen anzukämpfen. Leider war damit nichts. Es lag vielleicht auch daran, daß die Leggins recht rutschfest sind und sich der Wind auch nicht richtig fing (da keine Innenstadt). Nur einmal bauschte der Rock sich auf und der Wind war wieder stärker - blieb für längere Zeit auf dem Niveau mittlere Oberschenkel hängen. Das muß wohl absolut scheußlich ausgesehen haben. Bis zur Innenstadt bin ich ja nicht vorgedrungen, da ich insgesamt sehr verunsichert war, vor allem durch die erste unmittelbare Begegnung mit 2 / 3 Mädchen, die mich tatsächlich man kann´s ihnen nicht verdenken auslachten. Zum Glück war´s ja nur Bruchsal. Ein paar Tage später bin ich nach Gießen gefahren. Diesmal trug ich den gestreiften Toom Nummer 2. Ich glaube, diese Zusammenstellung muß recht gut ausgesehen haben. Ich parkte etwas außerhalb am Krankenhaus und lief in die Innenstadt. Ich fühlte mich sehr wohl. .... ... ... ..."
... undsoweiter undsoweiter.
Zur Erinnerung: Abschrift eines Papiers, das ich wohl im Januar 1989 einmal bekritzelte - in Ermangelung des Internets (obwohl ich in dieser Zeit bereits Emails empfangen und geschrieben habe).
Mehr davon wie gesagt demnächst mal irgendwo im Internet.
Besten Gruß,
verbunden mit der Hoffnung, nicht gelangweilt zu haben,
Wolfgang