Im Mittelpunkt stehen - an Hes

Miguelito, Sunday, 15.12.2002, 14:01 (vor 8512 Tagen)

Hallo Hes und alle anderen!

Weiter unten hast du geschrieben als Antwort auf das Posting vom Heinz - es ging um das Thema 'Probleme mit der Frau wegen Rock', dass es Frauen es nicht gerne haben, im Mittelpunkt zu stehen.
Ich trage, wenn ich Jeans an habe, einen schwarzen Gürtel mit einer schönen Gürtelschnalle (Darauf sieht man ein Banjo, eine Geige und eine Gittarre und das Wort 'Tennessee'). Das ist zwar etwas besonderes, aber wirlich nichts abstruses. Eine Kollegin meinte, mir würden alle Leute auf den Gürtel starren und ob ich das denn ertragen könnte. Sie persönlich würde das nicht aushalten. Warum ist das so?
Auf der einen Seite wollen Frauen etwas ganz besonderes sein, speziell für einen bestimmten Mann. Sie wollen gerne schönen besonderen Schmuck und auch besondere Kleidungsstücke tragen, weil das ihre Persönlichkeit hervorhebt. Und dann ist es ihnen peinlich, im Mittelpunkt zu stehen und aufzufallen.

Mal auf unsere Situation bezogen: Warum empfinden es viele Frauen als unangenehm mit einem Mann in der Öffentlichkeit aufzutreten, der einen Rock trägt, selbst, wenn seine Erscheinung stimmig und passend ist. Warum denken sie sich nicht:

- 1. mir ist es völlig egal, was die anderen denken.
- 2. ich zeige auch sehr viel Geschmack und Mut (eher eine Eigenschaft, die Männern zugeschrieben wird), wenn ich mit einem berockten Mann in der Öffentlichkeit erscheine.
- 3. Dadurch, dass ich als Frau mit einem berockten Mann Arm in Arm durch die Straßen gehe, ist doch schon der Beweis erbracht, dass dieser Mann nicht schwul oder trans ist.
- 4. Ich kann stolz sein, einen Mann mit so viel Geschmack und Mut zu haben, der sich traut, nicht wie ein Herdentier den Konventionen zu gehorchen.

Noch etwas:
Vielleicht bin ich eine Ausnahme: Ich habe mal in einer Buchhandlung eine Verkäuferin gesehen, die zwar sehr stimmig, auch sehr weiblich, aber absoltut nicht den gängigen Kleidungsnormen entsprechend gekleidet war. Sie trug:

- ein Anthrazitfarbenes Kostüm, der Rock knöchellang,
- Ihr Kopf war kahlrasiert
- auf dem Kopf trug sie ein anthrazitfarbes Käppchen, passend zum Kostüm
- Sie hatte einen Ring durch ihre Unterlippen gepierct
- Ihre Lippen waren kirschrot geschminkt

Diese Frau sah sehr edel aus. Die Mischung aus Strenge, Extravaganz und Erotik fand ich absolut faszinierend.
Sie hatte offensichtlich kein Problem damit, angeschaut zu werden und Beachtung zu bekommen. Warum fühlen sich viele nur dann wohl, wenn sie wie Lemminge in der Herde mitlaufen und den Normen entsprechen. Normen, wohlgemerkt, die andere irgendwann vorgegeben haben. Warum können so wenige Menschen ihre eigenen Normen setzen und mehr Kreativität zeigen, zumindest, was die äußere Erscheinung anbelangt.

Mich würde deine Meinung sehr interessieren:

Viele Grüße

Michael

Auffallen

Ralph, Sunday, 15.12.2002, 15:31 (vor 8512 Tagen) @ Miguelito

<font color="#000000">Hallo Miguelito,
eine ähnliche Frage beschäftigt mich auch:

Warum steht mancher gerne im Mittelpunkt und wird gerne beachtet,
und der andere lebt lieber unauffällig und wenig beachtet?

Ich glaube das ist eine relativ wichtige Frage für Rockträger. Die "logischen" Argumente gegen das Rocktragen halten einer Diskussion genauso wenig stand, wie das Gefühl etwas Falsches zu tun.
Was bleibt ist die Tatsache, daß man mehr beachtet wird und eventuell auffällt, was sicher nicht nur mich stört.
Hat jemand dafür eine Erklärung?


Ralph</font>

Re: Auffallen

Ferdi, Sunday, 15.12.2002, 15:58 (vor 8512 Tagen) @ Ralph

Hallo Ralph und alle!

Warum steht mancher gerne im Mittelpunkt und wird gerne beachtet,
[quote]und der andere lebt lieber unauffällig und wenig beachtet?
[/quote]

Vielleicht ist es so eine Art "Lampenfieber". Es gibt eine ähnliche Scheu davor, vor einigen hundert Leuten hinzutreten und etwas vorzutragen. Oder denkt an die Situation bei einer Podiumsdiskussion. Da ist oft zu beobachten, dass die ersten Reihen Sitze vor der Bühne, auf der die Diskussionsleiter auftreten, frei bleiben. In allen Fällen ist es wohl der Drang, in der Menge "auf Tauchstation" zu gehen, nicht in irgend einer Weise herauszuragen. Es scheint eine Art eigene Unsicherheit zu sein, zu wenig Selbstbewusstsein. Genau weiss ich das aber auch nicht. Ich weiss nur, dass ich damit keine Probleme habe. Insofern scheint das also sehr individuell zu sein.

Gruss,
Ferdi

Temperament

Hes, Monday, 16.12.2002, 00:58 (vor 8511 Tagen) @ Ralph

Nun, wenn man den Aussagen einiger Schwestern glauben darf, exisitert ein bestimmtes Temperament wohl schon von Geburt an. Ansonsten hätte ich noch Elternhaus, Schule, Freundeskreis, Vereine, Interessen als mögliche Entwicklungshelfer anzubieten.

Hes - ausnahmsweise kurz und knackig

Mittelpunkt und Schatten

Hes, Monday, 16.12.2002, 00:54 (vor 8511 Tagen) @ Miguelito

Hallo Michael,

Deine Frage ist im Grunde genauso kompliziert wie die Frau an sich *grins*, auch in kann also nur mutmaßen. Als erstes würde ich folgendes Sagen: Auffallen und Auffallen ist ein Unterschied. Ganz banal gesagt: Durch einen Rülpser fällt man negativ, durch einen Handkuss positiv auf. Was heißt das jetzt im übertragenen Sinne? Nun ja, das Wort "Norm" sagt es ja eigentlich schon, eine Norm ist nur ein Durchschnitt, also muß es Dinge geben, die besser als die Norm sind, also perfekt, schlechter als die Norm, also defizitär und, das sage ich jetzt, Dinge, die fern von Gut und Böse sind:

Kleine Übersicht:
<ul>
<li>defizitär</li>
<li>Norm / normal</li>
<li>perfekt</li>
<li>fern von Gut und Böse</li>
</ul>

Kommen wir zurück auf "Rülpser" und "Handkuss". Der Rülpser zur Begrüßung wäre defizitär, der Person mangelt es nach heutiger Ansicht an Manieren. Ein Händeschütteln wäre normal, ein Handkuss zeugte von perfekten Manieren und ein jugendliches Begrüßungsritual wäre vielleicht fern von Gut und Böse, da es seinen eigenen Regeln folgt und sich um die gängige Norm nicht schert.

Warum nun wollen (manche) Frauen so ungern im Mittelpunkt stehen? Nun, als erstes würde ich Mal behaupten, im Mittelpunkt ist man am angreifbarsten, weil man im übertragenen Sinne von allen Seiten angeschaut werden kann. Jeder Makel ist zu sehen. Das passiert im Schatten nicht. Daraus folgt, daß sich nur wenige im Mittelpunkt wohlfühlen können: die Perfekten (oder die, die glauben es zu sein *hüstel*) oder die Personen fern von Gut und Böse. Für "normale" Personen ist der Mittelpunkt unbequem, weil sie zu sehr spüren, daß sie nicht perfekt sind. Da ist es doch viel einfacher vom Schatten aus den Perfekten zu huldigen und die Freundin mit den Worten anzustupsen: "Hey, meine Nase sieht genauso aus wie ihre *jubel* *jubel* *freu* *freu*!"

Das Problem ist einfach, daß alle von Individualität reden, aber keiner sich wirklich traut, individuell zu sein. Kleines Beispiel: Ich baue ein Plastik aus Papier und verklebe sie an drei Stellen mit Tesa, dann ist der Tesafilmstreifen ein Makel. Ich baue ein Plastik aus Papier und verklebe sie an dreihundert Stellen mit Tesa, dann ist der Tesafilmstreifen Teil der Plastik und eine Struktur. Aber die Welt gefällt sich im Sündenbockdenken: Ich bin schön, weil die ist häßlich. So ein Denken ist aus meiner Sicht nur destruktiv und erzeugt viele, unnötige Mauerblümchen. Man muß und kann seine Makel "passend" machen, dann fühlt man sich auch wohl in seiner Haut.

So, jetzt aber Ende mit der kleinen Vorgeschichte und direkt zu Deinem Beispiel.

Ich trage, wenn ich Jeans an habe, einen schwarzen Gürtel mit einer schönen Gürtelschnalle (Darauf sieht man ein Banjo, eine Geige und eine Gittarre und das Wort 'Tennessee'). Das ist zwar etwas besonderes, aber wirlich nichts abstruses. Eine Kollegin meinte, mir würden alle Leute auf den Gürtel starren und ob ich das denn ertragen könnte. Sie persönlich würde das nicht aushalten. Warum ist das so?

Nun, wenn man sie so anstarrt, würde sie wahrscheinlich vermuten, man hätte an ihr einen Makel ausgemacht. Sie ist vermutlich also nach meinem "System" eine Person der Norm, wärend Du eine Person jenseits von Gut und Böse bist. Das System Norm interessiert Dich herzlich wenig, Du ziehst an, was Dir gefällt und definierst Dich nicht über das, was andere von Dir sagen oder denken - zumindest was Kleidung und wildfremde Menschen betrifft.

Auf der einen Seite wollen Frauen etwas ganz besonderes sein, speziell für einen bestimmten Mann. Sie wollen gerne schönen besonderen Schmuck und auch besondere Kleidungsstücke tragen, weil das ihre Persönlichkeit hervorhebt. Und dann ist es ihnen peinlich, im Mittelpunkt zu stehen und aufzufallen.

Nach meiner Theorie wollen sie perfekten Schmuck und perfekte Kleidung tragen, um selbst ein bißchen perfekter zu sein. Daß das ihre Persönlichkeit unterstreicht, ist ihre Theorie, nach meiner unterstreicht es eher ihre Norm.

Mal auf unsere Situation bezogen: Warum empfinden es viele Frauen als unangenehm mit einem Mann in der Öffentlichkeit aufzutreten, der einen Rock trägt, selbst, wenn seine Erscheinung stimmig und passend ist. Warum denken sie sich nicht:
- 1. mir ist es völlig egal, was die anderen denken.

Zu 1. Durch Werbung, Talkshows usw. wird den Frauen und auch den Männern ständig eingetrichtert, Erfolg hat, wer schön und jung ist. Schönheit ist aber eine Eigenschaft, die eine ständige Bestätigung von außen braucht. Denn leider wird ja nicht vermittelt: "Ich bin schön, egal was die anderen denken!" sondern "Ich bin schön, weil das die anderen denken!" Sonst wären Miss Wahlen ja auch ziemlich schnell überflüssig. Wer also Schönheit als die Basis seines Selbstwertgefühls nimmt, ist ziemlich stark abhängig von der Meinung anderer. Die Frage: "Wer/Was/Warum bin ich?" ist nicht neu. es gibt da die unterschiedlichsten philosophischen Strömungen:

"Ich denke, also bin ich" => Ich definiere mich über meinen Geist
"Man ist, was man tut" => Ich definiere mich über meine Taten

Doch heute machen große Taten und große Geister einer einzigen, großen Show Platz. Manche Boygroup: kein echter Gesang, sondern nur schöne Buben und Technik. Außer Schönheit glaubt man heute, alles künstlich erschaffen zu können, ja sogar bei der Schönheit hilft man schon nach, aber Werte (auch das Selbstwertgefühl) gibt 's noch nicht per Pille oder DNS.

- 2. ich zeige auch sehr viel Geschmack und Mut (eher eine Eigenschaft, die Männern zugeschrieben wird), wenn ich mit einem berockten Mann in der Öffentlichkeit erscheine.

Wenn eine Frau so dächte, wäre es schon zu spät, denn es darf kein Akt des Mutes sein. Sie muß entweder Stolz sein oder es ist ihr egal. Wenn es sie Mut kostet, kommt sie aus der Gruppe der "Norm" und quält sich selbst. Denn erstens ziehst Du sie in den Mittelpunkt, wo sie selber gar nicht hin will, weil sie sich als "nicht perfekt" empfindet und dann wird das ganze auch noch dadurch getopt, daß Dein "Defizit" aus ihrer Sicht auf sie abfärbt. Soll jetzt um Himmelswillen nicht meine Meinung sein, sondern nur mein Erklärungsmodell.

- 3. Dadurch, dass ich als Frau mit einem berockten Mann Arm in Arm durch die Straßen gehe, ist doch schon der Beweis erbracht, dass dieser Mann nicht schwul oder trans ist.

Dafür muß überhaupt keine Frau an seinem Arm hängen. Dafür ist die Körpersprachs eigentlich schon zuständig. Eine Dragqueen trägt einen Rock nämlich aus ganz anderen Motiven, was sie/er einfach ausstrahlt aus meiner Sicht.

- 4. Ich kann stolz sein, einen Mann mit so viel Geschmack und Mut zu haben, der sich traut, nicht wie ein Herdentier den Konventionen zu gehorchen.

Ich sag 's nicht gern, aber um diese Bewunderung zu ernten, braucht so ein Mann eine Frau, die selbst nich den Konventionen folgt - sorry!

Vielleicht bin ich eine Ausnahme: Ich habe mal in einer Buchhandlung eine Verkäuferin gesehen, die zwar sehr stimmig, auch sehr weiblich, aber absoltut nicht den gängigen Kleidungsnormen entsprechend gekleidet war. Sie trug:

- ein Anthrazitfarbenes Kostüm, der Rock knöchellang,
- Ihr Kopf war kahlrasiert
- auf dem Kopf trug sie ein anthrazitfarbes Käppchen, passend zum Kostüm
- Sie hatte einen Ring durch ihre Unterlippen gepierct
- Ihre Lippen waren kirschrot geschminkt

Diese Frau sah sehr edel aus. Die Mischung aus Strenge, Extravaganz und Erotik fand ich absolut faszinierend.

Sie hatte offensichtlich kein Problem damit, angeschaut zu werden und Beachtung zu bekommen. Warum fühlen sich viele nur dann wohl, wenn sie wie Lemminge in der Herde mitlaufen und den Normen entsprechen. Normen, wohlgemerkt, die andere irgendwann vorgegeben haben. Warum können so wenige Menschen ihre eigenen Normen setzen und mehr Kreativität zeigen, zumindest, was die äußere Erscheinung anbelangt.

Was mich betrifft, bist Du mit Deiner Bewunderung nicht allein. Ich selbst habe eine Schwäche für androgyne Frauen in Öko-/Alternativklamotten, aber solange die Meschen nicht offenen Herzens die Schönheit suchen, werden sie sie auch nicht finden. Die meisten erfahren leider gar keine echte Schönheit, weil sie die Schönheit nur in den Dingen erkennen, von denen ihnen irgendwann gesagt wurde: "Das sit schön!" Frag mich, ich bin dick. Für mich heißt das optisch eigentlich nur, daß mein Körper einen anderen Rhythmus hat. Wenn man ihn betrachtet, wird das Auge in sich auffaltende Gebirge, tiefe Täler und doch auf weiche Wanderpfade in eilenden Kurven gelenkt. Für den, der das nicht sehen will / kann bin ich nur amorph.

Letzte Anmerkung: Das Ganze ist auch Tagesform abhängig. Wenn ich mich einfach nur "wäh" fühle, schwimme ich schon mal mit der Norm, weil ich nicht die Kraft habe, gegen den Strom zu schwimmen. Aber wem erzähl ich daß, oder trägt hier irgendwer jeden Tag einen pinken Mini *lächel*?

Mich würde deine Meinung sehr interessieren

Na dann hast Du ja jetzt eine Menge Meinung bekommen, oder?

Hes [image]

Re: Mittelpunkt und Schatten

Ferdi, Monday, 16.12.2002, 11:31 (vor 8511 Tagen) @ Hes

Hallo Hes,

das ist einer der besten Abhandlungen, die ich zu diesem Thema bisher gelesen habe. Jetzt weiss ich auch, wo ich mich selbst am besten einordnen kann. Demnach bin ich eindeutig in der Kategorie "Jenseits von Gut und Böse"!

Das Ganze ist auch Tagesform abhängig. Wenn ich mich einfach nur "wäh" fühle, schwimme ich schon mal mit der Norm, weil ich nicht die Kraft habe, gegen den Strom zu schwimmen. Aber wem erzähl ich daß, oder trägt hier irgendwer jeden Tag einen pinken Mini *lächel*?

Bei mir ist es umgekehrt: Wenn ich meine Röcke nicht tragen könnte, würde ich mich ganz schwer "wäh" fühlen. Seitdem ich begonnen habe, Röcke zu tragen, fühle ich mich, als wenn ich eine Fessel von mir abgesprengt hätte. Mir ist es einfach schnurzepiepegal, was die anderen davon halten. Ich tue grundsätzlich in dieser Hinsicht das, was mir am besten gefällt und wobei ich mich am wohlsten fühle und habe das auch erfolgreich gegen jeden vertreten und durchgesetzt. Dadurch kann ich nun auch bei der Arbeit durchweg Röcke tragen. Im Kollegenkreis ist das schon lange kein Thema mehr, alle haben sich daran gewöhnt, alle sehen meine Röcke als stinknormale Kleidung an, die zu mir und meiner Persönlichkeit gehört. Und weil ich das aus tiefster innerer Überzeugung tue schätzt mich auch keiner falsch ein, z. B. in die Richtung schwul oder "tuntig". Es ist wie Du sagst: die richtige Körpersprache ist entscheidend.

Wusstet Ihr schon, dass es sogar einen Fachbegriff gibt: "Normopathie", bedeutet krankhafter Drang, der "Norm" zu entsprechen, m.a.W. um Gottes Willen nur ja nicht auffallen. Diese Normopathie steht nach Aussage von Naturheilkundlern am Anfang von vielen Krebskarrieren. Nun denn, ich habe keine Lust Krebs zu bekommen.

Nochmal vielen Dank für Deinen sympathischen Beitrag, und bleib unserem Forum treu.

Freundliche Grüsse,
Ferdi

*verneig*

Hes, Monday, 16.12.2002, 11:53 (vor 8511 Tagen) @ Ferdi

[...] das ist einer der besten Abhandlungen, die ich zu diesem Thema bisher gelesen habe. Jetzt weiss ich auch, wo ich mich selbst am besten einordnen kann. Demnach bin ich eindeutig in der Kategorie "Jenseits von Gut und Böse"!

Uiiiiii [image]

Bei mir ist es umgekehrt: Wenn ich meine Röcke nicht tragen könnte, würde ich mich ganz schwer "wäh" fühlen. Seitdem ich begonnen habe, Röcke zu tragen, fühle ich mich, als wenn ich eine Fessel von mir abgesprengt hätte. Mir ist es einfach schnurzepiepegal, was die anderen davon halten. Ich tue grundsätzlich in dieser Hinsicht das, was mir am besten gefällt und wobei ich mich am wohlsten fühle und habe das auch erfolgreich gegen jeden vertreten und durchgesetzt. Dadurch kann ich nun auch bei der Arbeit durchweg Röcke tragen. Im Kollegenkreis ist das schon lange kein Thema mehr, alle haben sich daran gewöhnt, alle sehen meine Röcke als stinknormale Kleidung an, die zu mir und meiner Persönlichkeit gehört. Und weil ich das aus tiefster innerer Überzeugung tue schätzt mich auch keiner falsch ein, z. B. in die Richtung schwul oder "tuntig". Es ist wie Du sagst: die richtige Körpersprache ist entscheidend.

Bei Dir haben sich die Dinge eben so entwickelt, daß Du eher angesprochen würdest, wenn Du keinen Rock trägst. Wenn Du mal einen schlechten Tag hast, trägst Du erst recht Rock. So rum mußt Du es vielleicht inzwischen sehen *lächel*.

Wusstet Ihr schon, dass es sogar einen Fachbegriff gibt: "Normopathie", bedeutet krankhafter Drang, der "Norm" zu entsprechen, m.a.W. um Gottes Willen nur ja nicht auffallen. Diese Normopathie steht nach Aussage von Naturheilkundlern am Anfang von vielen Krebskarrieren.

Nun, daß erscheint mir etwas zugespitzt, aber ich denke, man kann sagen: "Eine negative Grundstimmung oder Stress (zum Beispiel durch 's Nachjagen nach der Norm), begünstigen Krankheiten allgemein, weil sie das Immunsystem schwächen. Sie können auch das Verhalten einiger Organe beeinflussen - siehe Sodbrennen etc. - und so zu Magengeschwüren und so weiter führen.

Nochmal vielen Dank für Deinen sympathischen Beitrag, und bleib unserem Forum treu.

Muß ich ja fast schon, um die Frauenquote zu erfüllen *grins*.

Hes [image]

Re: Mittelpunkt und Schatten

Miguelito, Wednesday, 18.12.2002, 13:16 (vor 8509 Tagen) @ Hes

Wow Hes,

das war jetzt wirklich seeeeeeeehr viel Meinung!!! Vielen Dank.

Hallo Michael,
Deine Frage ist im Grunde genauso kompliziert wie die Frau an sich *grins*, auch in kann also nur mutmaßen. Als erstes würde ich folgendes Sagen: Auffallen und Auffallen ist ein Unterschied. Ganz banal gesagt: Durch einen Rülpser fällt man negativ, durch einen Handkuss positiv auf. Was heißt das jetzt im übertragenen Sinne? Nun ja, das Wort "Norm" sagt es ja eigentlich schon, eine Norm ist nur ein Durchschnitt, also muß es Dinge geben, die besser als die Norm sind, also perfekt, schlechter als die Norm, also defizitär und, das sage ich jetzt, Dinge, die fern von Gut und Böse sind:
Kleine Übersicht:
<ul>
<li>defizitär</li>
<li>Norm / normal</li>
<li>perfekt</li>
<li>fern von Gut und Böse</li>

</ul>
Kommen wir zurück auf "Rülpser" und "Handkuss". Der Rülpser zur Begrüßung wäre defizitär, der Person mangelt es nach heutiger Ansicht an Manieren. Ein Händeschütteln wäre normal, ein Handkuss zeugte von perfekten Manieren und ein jugendliches Begrüßungsritual wäre vielleicht fern von Gut und Böse, da es seinen eigenen Regeln folgt und sich um die gängige Norm nicht schert.
Warum nun wollen (manche) Frauen so ungern im Mittelpunkt stehen? Nun, als erstes würde ich Mal behaupten, im Mittelpunkt ist man am angreifbarsten, weil man im übertragenen Sinne von allen Seiten angeschaut werden kann. Jeder Makel ist zu sehen.

Na und? Müssen wir perfekt aussehen, perfekt sein??? Machen uns Fehler nicht erst zu Menschen. Die Teppichknüpfer in Afghanistan machen absichtlich Fehler in ihre Teppiche, weil nur Gott perfekt ist. Das wollen sie damit ausdrücken. Und müssen wir alle einem bestimmten Bild entsprechen, das wiederum weit gehend von den Medien und der Wirtschaft bestimmt wird.

Das passiert im Schatten nicht. Daraus folgt, daß sich nur wenige im Mittelpunkt wohlfühlen können: die Perfekten (oder die, die glauben es zu sein *hüstel*) oder die Personen fern von Gut und Böse. Für "normale" Personen ist der Mittelpunkt unbequem, weil sie zu sehr spüren, daß sie nicht perfekt sind. Da ist es doch viel einfacher vom Schatten aus den Perfekten zu huldigen und die Freundin mit den Worten anzustupsen: "Hey, meine Nase sieht genauso aus wie ihre *jubel* *jubel* *freu* *freu*!"

Ist das vielleicht der Grund, warum sehr viele Frauen, ab etwa 35 eher unauffällig durch die Straßen gehen. Graue Hose, Jacke, Mütze, Stiefelchen.Ich freue mich über individuell gekleidete Frauen. Die finde ich toll. Die schaue ich gerne an.

Das Problem ist einfach, daß alle von Individualität reden, aber keiner sich wirklich traut, individuell zu sein.

Ich glaube, bei all dem Druck der durch die Medien erzeugt wird, besteht eine tiefe Sehnsucht einfach so zu sein, wie man/frau sich wohl fühlt oder gerne sein möchte. Diese Sehnsucht greift die Werbung auch immer wieder auf. Zum Beispiel für die Zigarettenmarke West oder ganz aktuell für Espesso von Lavazza.

Aber die Welt gefällt sich im Sündenbockdenken: Ich bin schön, weil die ist häßlich. So ein Denken ist aus meiner Sicht nur destruktiv
wie wahr.
und erzeugt viele, unnötige Mauerblümchen.
seeeeeeeeeehr schade!!!
Man muß und kann seine Makel "passend" machen, dann fühlt man sich auch wohl in seiner Haut.

Hier setzen auch wieder vielen Heilungsversuche und Gegenmittel an, die einem die Industrie verkaufen will.

So, jetzt aber Ende mit der kleinen Vorgeschichte und direkt zu Deinem Beispiel.
Ich trage, wenn ich Jeans an habe, einen schwarzen Gürtel mit einer schönen Gürtelschnalle (Darauf sieht man ein Banjo, eine Geige und eine Gittarre und das Wort 'Tennessee'). Das ist zwar etwas besonderes, aber wirlich nichts abstruses. Eine Kollegin meinte, mir würden alle Leute auf den Gürtel starren und ob ich das denn ertragen könnte. Sie persönlich würde das nicht aushalten. Warum ist das so?
Nun, wenn man sie so anstarrt, würde sie wahrscheinlich vermuten, man hätte an ihr einen Makel ausgemacht. Sie ist vermutlich also nach meinem "System" eine Person der Norm, wärend Du eine Person jenseits von Gut und Böse bist.

Gerade diese Schnalle ist noch ziemlich Norm, darum hat mich das ja auch gewundert.
Das System Norm interessiert Dich herzlich wenig, Du ziehst an, was Dir gefällt und definierst Dich nicht über das, was andere von Dir sagen oder denken - zumindest was Kleidung und wildfremde Menschen betrifft.

Auf der einen Seite wollen Frauen etwas ganz besonderes sein, speziell für einen bestimmten Mann. Sie wollen gerne schönen besonderen Schmuck und auch besondere Kleidungsstücke tragen, weil das ihre Persönlichkeit hervorhebt. Und dann ist es ihnen peinlich, im Mittelpunkt zu stehen und aufzufallen.
Nach meiner Theorie wollen sie perfekten Schmuck und perfekte Kleidung tragen, um selbst ein bißchen perfekter zu sein. Daß das ihre Persönlichkeit unterstreicht, ist ihre Theorie, nach meiner unterstreicht es eher ihre Norm.

Mal auf unsere Situation bezogen: Warum empfinden es viele Frauen als unangenehm mit einem Mann in der Öffentlichkeit aufzutreten, der einen Rock trägt, selbst, wenn seine Erscheinung stimmig und passend ist. Warum denken sie sich nicht:
- 1. mir ist es völlig egal, was die anderen denken.

Zu 1. Durch Werbung, Talkshows usw. wird den Frauen und auch den Männern ständig eingetrichtert, Erfolg hat, wer schön und jung ist. Schönheit ist aber eine Eigenschaft, die eine ständige Bestätigung von außen braucht. Denn leider wird ja nicht vermittelt: "Ich bin schön, egal was die anderen denken!" sondern "Ich bin schön, weil das die anderen denken!" Sonst wären Miss Wahlen ja auch ziemlich schnell überflüssig. Wer also Schönheit als die Basis seines Selbstwertgefühls nimmt, ist ziemlich stark abhängig von der Meinung anderer.

Ist die ewige Selbstbestätigung, die man/frau zum Erhalt seines Selbstwertgefühls braucht, nicht ziemlich narzistisch???
Damit spielen ja auch die Medien und die Werbung, das Fernsehen, die Lifestyle-Zeitschriften, und die vielen Plakatwände. Sie hinterlassen bei vielen das Gefühl minderwertig, weil hässlich zu sein. Der Werbetexter Fréderic Beigbeder hat das in seinem Roman "39,90" beschrieben.

Außer Schönheit glaubt man heute, alles künstlich erschaffen zu können, ja sogar bei der Schönheit hilft man schon nach, aber Werte (auch das Selbstwertgefühl) gibt 's noch nicht per Pille oder DNS.

Dazu gibt es ein schönes (verräterischer Begriff) Buch: "Des Körpers neue Kleider" von Ebba Drolshagen. Darin geht genau darum, seinen Körper nach den Vorgaben von irgendetwas zu modellieren. Sei es durch Abnehmen, Sport oder Schönheitsoperationen. Themen, die Frauen sehr bewegen, wenn man Frauenzeitschrifen und Kantinengespräche als Referenz hernehmen kann.

- 2. ich zeige auch sehr viel Geschmack und Mut (eher eine Eigenschaft, die Männern zugeschrieben wird), wenn ich mit einem berockten Mann in der Öffentlichkeit erscheine.
Wenn eine Frau so dächte, wäre es schon zu spät, denn es darf kein Akt des Mutes sein. Sie muß entweder Stolz sein oder es ist ihr egal. Wenn es sie Mut kostet, kommt sie aus der Gruppe der "Norm" und quält sich selbst. Denn erstens ziehst Du sie in den Mittelpunkt, wo sie selber gar nicht hin will, weil sie sich als "nicht perfekt" empfindet und dann wird das ganze auch noch dadurch getopt, daß Dein "Defizit" aus ihrer Sicht auf sie abfärbt. Soll jetzt um Himmelswillen nicht meine Meinung sein, sondern nur mein Erklärungsmodell.

- 3. Dadurch, dass ich als Frau mit einem berockten Mann Arm in Arm durch die Straßen gehe, ist doch schon der Beweis erbracht, dass dieser Mann nicht schwul oder trans ist.
Dafür muß überhaupt keine Frau an seinem Arm hängen. Dafür ist die Körpersprachs eigentlich schon zuständig. Eine Dragqueen trägt einen Rock nämlich aus ganz anderen Motiven, was sie/er einfach ausstrahlt aus meiner Sicht.
- 4. Ich kann stolz sein, einen Mann mit so viel Geschmack und Mut zu haben, der sich traut, nicht wie ein Herdentier den Konventionen zu gehorchen.
Ich sag 's nicht gern, aber um diese Bewunderung zu ernten, braucht so ein Mann eine Frau, die selbst nich den Konventionen folgt - sorry!
Vielleicht bin ich eine Ausnahme: Ich habe mal in einer Buchhandlung eine Verkäuferin gesehen, die zwar sehr stimmig, auch sehr weiblich, aber absoltut nicht den gängigen Kleidungsnormen entsprechend gekleidet war. Sie trug:
- ein Anthrazitfarbenes Kostüm, der Rock knöchellang,
- Ihr Kopf war kahlrasiert
- auf dem Kopf trug sie ein anthrazitfarbes Käppchen, passend zum Kostüm
- Sie hatte einen Ring durch ihre Unterlippen gepierct
- Ihre Lippen waren kirschrot geschminkt
Diese Frau sah sehr edel aus. Die Mischung aus Strenge, Extravaganz und Erotik fand ich absolut faszinierend.
Sie hatte offensichtlich kein Problem damit, angeschaut zu werden und Beachtung zu bekommen. Warum fühlen sich viele nur dann wohl, wenn sie wie Lemminge in der Herde mitlaufen und den Normen entsprechen. Normen, wohlgemerkt, die andere irgendwann vorgegeben haben. Warum können so wenige Menschen ihre eigenen Normen setzen und mehr Kreativität zeigen, zumindest, was die äußere Erscheinung anbelangt.

Was mich betrifft, bist Du mit Deiner Bewunderung nicht allein. Ich selbst habe eine Schwäche für androgyne Frauen in Öko-/Alternativklamotten,

Es gibt "Ökoklamotten", die hübsch aussehen. Zuminstest, sind die um einiges indiviueller als das, was H&M;, C&A;, etc. anbieten. Doch meist wirken sie auf mich eher etwas schräg. Ich habe in unserer Firma den Ruf ein "Öko" zu sei

aber solange die Meschen nicht offenen Herzens die Schönheit suchen, werden sie sie auch nicht finden.
Wie wahr!!!
Die meisten erfahren leider gar keine echte Schönheit, weil sie die Schönheit nur in den Dingen erkennen, von denen ihnen irgendwann gesagt wurde: "Das sit schön!"

Frag mich, ich bin dick.
Sehr viele dicke Frauen sind sehr schön. Es hängt hier auch wieder von dem Gefühl ab, das die Frau sich selbst gegenüber hat. Manche verstecken ihren Körper hinter Wallegewänder und schämen sich, weil sie sich soooo dick fühlen. ;-(((( Wenn jemand, egal ob Mann oder Frau sich selbst akzeptiert und anfängt zu lieben - das fällt vielen sehr schwer - oder gar glücklich verliebt ist, dann wirkt er/ sie sehr anziehend und attraktiv auf andere.
Es gibt viele Männer, wie mich zum Beispiel, die dicke Frauen absolut sexy und attraktiv finden und ich bin weiß Gott nicht der einzige!
Für mich heißt das optisch eigentlich nur, daß mein Körper einen anderen Rhythmus hat. Wenn man ihn betrachtet, wird das Auge in sich auffaltende Gebirge, tiefe Täler und doch auf weiche Wanderpfade in eilenden Kurven gelenkt. Für den, der das nicht sehen will / kann bin ich nur amorph.
Ich wünsche dir viele aufmerksame Gegenüber!!! Nein amorph, kannst du gar nicht sein.

Letzte Anmerkung: Das Ganze ist auch Tagesform abhängig. Wenn ich mich einfach nur "wäh" fühle, schwimme ich schon mal mit der Norm, weil ich nicht die Kraft habe, gegen den Strom zu schwimmen. Aber wem erzähl ich daß, oder trägt hier irgendwer jeden Tag einen pinken Mini *lächel*?
Mich würde deine Meinung sehr interessieren
Na dann hast Du ja jetzt eine Menge Meinung bekommen, oder?

Ja, öffz!

Hes

Nochmals vielen Dank

Michael

Danke für die Antwort

Hes, Saturday, 21.12.2002, 01:30 (vor 8506 Tagen) @ Miguelito

Hallo Michael,

auf eine Reaktion (Antwort) von mir, mußt Du allerdings noch ein Weilchen warten, Ferdi schulde ich auch noch eine, aber bei mir sind die nächsten Tage dicht - durchaus mit schönen Sachen *lächel*.

Dir und allen anderen ein frohes Fest [image]

Re: Danke für die Antwort

Ferdi, Saturday, 21.12.2002, 09:33 (vor 8506 Tagen) @ Hes

Hallo Hes,

kann ich mir vorstellen, dass Du jetzt noch alle Hände voll zu tun hast. Dann wünsche ich Dir und Deiner Familie schöne Weihnachtsfeiertage. Man liest sich dann nachher.

Weihnachtliche Grüsse!
Ferdi