Fax an meine Mama

X, Saturday, 29.06.2002, 14:32 (vor 8679 Tagen)

Subject: Fax an meine Mama

Hi Leute,

einleiten moechte ich diesen Beitrag mit einem Zitat, das ich am 12. Mai im
Radio auf "Bayern 1" gehoert habe. Es stammt aus der Katholischen
Morgenfeiser von Pastoralreferentin Marianne Habersetzer und ist von
"Khalil Gibran", einem Schriftsteller aus dem Libanon:

Und eine Frau, die einen Säugling an der Brust hielt, sagte zum
Propheten: Sprich uns von den Kindern. Und er sagte: Eure Kinder sind
nicht eure Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens
nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und
obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen
eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre
eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht
ihren Seelen, denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr
nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch
ähnlich zu machen. Denn das Leben verläuft nicht rückwärts, noch
verweilt es im Gestern. ...

---

Gestern Abend habe ich meiner Mutter ein Fax geschickt. Eigentlich habe ich
sie bei uns zu Hause zum Essen einschliesslich (natuerlich
selbstgebackener) Torte eingeladen. Da sie aber aufgrund am Sonntag
kommender Gaeste von zu Hause nicht weg kann, hat sie meine Familie und
mich zu sich zum Essen eingeladen, wobei mal ganz, ganz ausnahmsweise sie
ein Lokal beauftragen moechte, fuer unser Mittagessen zu sorgen. (Die von
mir ausgesprochene Geburtstagseinladung wird somit erst in ein paar Wochen
bei uns eingeloest werden.)

Wie ich jedoch vor ein paar Tagen geschrieben habe, ist auch der Bereich
bei meinen Eltern eine "rockfreie Zone". Aus diesem Grund konnte ich ihre
Einladung meinerseits - meine Frau kann wegen ihres Dienstes an diesem
Wochenende eh nicht - nicht gleich annehmen. Es liegt am Wetter am Sonntag,
ob ich meine Mutter besuchen kann oder nicht.

Das folgende Fax soll zeigen, welche Probleme ich mit meinen Eltern habe.
Es soll nicht dazu fuehren, dass ich von den etwas Gluecklicheren bedauert
werde, vielmehr moechte ich anderen Rockbegeisterten usw., die ebenfalls
Probleme mit ihrer Umgebung haben, zeigen, dass sie nicht die einzigen
sind, die sich ihre "Freiheit, Unabhaengigkeit, und ihr selbstbestimmtes
Leben" manchmal ziemlich schwer erkaempfen muessen.


---------FAXBEGINN---------

Hi Mama,

sofern das Fax nun erfolgreich verarbeitet wird, werden die naechsten
Seiten ein paar Beitraege eines Forums [] darstellen, die dir vielleicht
ein wenig helfen koennen.

Warum ich sie als Fax schicke? Mir kommt´s teurer, aber ich halte es
einfach so fuer sinnvoller [als per E-Mail]. Warum? Vielleicht, weil ich
mir erhoffe, dass du die Seiten dann besser "verarbeitest".

Natuerlich frage ich mich gerade schon wieder, warum ich das ueberhaupt
mache. Koennte mir doch egal sein, wie du denkst. Die Sache ist auch die,
ich vermittle dir mit meinen Texten kein besseres Selbstbewusstsein und ich
foerdere damit eigentlich auch nicht deine Toleranz. Denn wenn ich wie in
diesem Fall dir Meinungen anderer Rocktraeger praesentiere, so koenntest du
zwar irgendwann mal denken: "Sind doch einige. X ist ja gar keine so
grosse Ausnahme." Doch was bringt´s dir?

Das Besondere ist doch (anscheinend), wenn man was akzeptieren kann, selbst
wenn es noch so merkwuerdig / ungewoehnlich ist. Selbstbewusstsein (und in
meinem Fall auch Ueberzeugung) ist noetig, um etwas zu tun, was alle
anderen nicht tun!

Habe ich dir nicht geschrieben, WANN MAN SICH SCHAEMEN MUSS? Vielleicht
sollte ich´s nachholen: Man muss sich nie fuer andere Leute schaemen. Egal
was sie tun. (Es sei denn es sind vielleicht die eigenen KLEINEN Kinder.)
Schaemen muss man sich nur FUER DAS EIGENE FEHLVERHALTEN (ANDEREN
GEGENUEBER). Fuer mich zum Beispiel gibt es absolut keinen anderen Grund
mich zu schaemen.

Ach, vielleicht sollte ich nochmal [deinen] PETER WENZEL dir ins
Gedaechtnis zurueckrufen. Wie er doch gesagt hat: "... dann tun Sie es,
selbst wenn es gegen alle Vernunft der anderen ist. Wissen Sie was dann
passiert? Dann fallen Sie auf. Es ist enorm schwierig, etwas zu tun, was
alle anderen nicht tun. ...
"

Weisst du, wann ich anfange zu leben? : IMMER DANN, WENN ICH AUFHOERE,
FUER ANDERE EINE MARIONETTE ZU SEIN.

Wie hat doch Peter Wenzel so schoen gesagt?

MACHEN WIR UNS DARAN, TABUS ANZUKRATZEN!


Liebe Gruesse

X


P.S.:

Leider kann ich dir momentan noch nicht sagen, ob es mir moeglich ist, am
Sonntag Mittag zu kommen. Aber du sagtest ja, dass dir die Info am Samstag
Nachmittag auch noch reicht. Der Grund, warum ich´s dir noch nicht sagen
kann: Ich weiss nicht wie das Wetter wird. Wenn es am Sonntag auch noch
schlecht ist, dann habe ich kein Problem zu kommen. Wenn es aber ein
schoener, warmer Tag wird, so fuerchte ich, dass ich nicht in der Lage bin,
als MARIONETTE IN HOSEN in euerem Theater zu erscheinen.

Wie ´Michael´ weiter unten in seinem Beitrag schreibt: Wir haben gelernt,
logisch, vernuenftig und Verantwortung uebernehmend zu leben. Weisst du,
warum Frauen an heissen Tagen selbst heutzutage noch oft Roecke und Kleider
tragen? Ich kann´s dir sagen: WEIL ES VERNUENFTIG IST.

Ich halte es fuer NICHT VERNUENFTIG, am kommenden Sonntag, an deinem
Geburtstag bei warmem Wetter und Sonnenschein in einer langen Hose zu
erscheinen. Und ich halte es fuer UNANSTAENDIG, bei solch einem Wetter in
einer kurzen Hose zu erscheinen.

Aus diesem Grund werde ich dir erst irgendwann morgen am Spaetnachmittag
nach dem Abhoeren des Wetterberichts und dem Ansehen der Wettervorschau
fuer [eueren Wohnort] (im Internet) entscheiden, ob ich (zusammen mit
meinen Kindern) am Sonntag Mittag aufkreuzen kann oder nicht.

X.


-----------FAXENDE-----------

(Die Bereiche, in denen ich eckige Klammern verwendet habe, die sind von
mir fuer diesen Forumsbeitrag leicht veraendert worden. Teilweise zum
besseren Verstaendnis, teilweise um weniger Namen verwenden zu muessen. Die
Forenbeitraege habe ich hier in diesem Fall natuerlich weggelassen.)

Meine Eltern behaupten so gern, sie muessten sich wegen mir so schaemen,
WEIL SIE MEINE ELTERN waeren. Das aber stimmt laut Khalil Gibran nicht.
Denn er schreibt ja:

Eure Kinder sind
nicht eure Kinder. Sie sind Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens
nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und
obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen
eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre
eigenen Gedanken.

Es ist gut so, dass dies so ist. Sonst muessten sich meine Eltern
tatsaechlich fuer mich schaemen. Aber eigentlich auch wieder nicht. Denn
so lange ich in ihrem Machtbereich war, so lange war ich "das bravste Kind,
das man sich vorstellen kann". Ich habe euch doch mal meine
Lieblingsdefinition fuer ´Macht´ geschrieben, oder? Wenn nicht, so hole ich
dies hiermit nach:

Macht ist die Moeglichkeit und Faehigkeit
andere Menschen dazu zu veranlassen,
die eigenen Werte anzuerkennen,
nach ihnen zu streben und zu verwirklichen.

Meine Eltern hatten 20 Jahre lang die Macht und somit die Moeglichkeit und
Faehigkeit, mich dazu zu veranlassen, ihre Werte anzuerkennen, nach ihnen
zu streben und sie zu verwirklichen.

20 Jahre, das ist lang genug. Eigentlich war das viel zu lang. Ich gehoere
nicht meinen Eltern. Sie konnten mir ihre Liebe geben, doch habe ich sie
nie als Geschenk wahrgenommen. Denn ich hatte immer Angst, sie zu
verlieren, wenn ich mal nicht ganz so "funktionierte" wie sie es
gern gehabt haetten. Ihre Gedanken haben sie mir nie geben koennen, denn
ich hatte mindestens seit meiner Grundschulzeit andere bzw. meine eigenen.

Der Text von Khalil Gibran wuerde meiner Mutter sicherlich auch sehr gut
gefallen. Genauso wie ihr Peter Wenzel oder Mahatma Gandhi gefaellt. Auch
Jesus findet sie recht interessant.

Schade nur, dass meine Mutter, genauso wie sehr viele andere Menschen
solche Texte zwar sehr toll, faszinierend, bewegend, anregend, und so
weiter finden, sie es dennoch aber nicht mal ansatzweise schaffen, so oder
aehnlich zu leben.

X

Re: Fax an meine Mama

TomC, Sunday, 30.06.2002, 15:30 (vor 8678 Tagen) @ X

Moin, Moin X !

Starker Tobak den Du da auffährst. „Wenn es aber ein schoener, warmer Tag wird, so fuerchte ich, dass ich nicht in der Lage bin, als MARIONETTE IN HOSEN in euerem Theater zu erscheinen." Schon heftig Familientreffen als Theater zu bezeichnen, auch wenn es stimmt. Doch meist fühlen sich die Leute doch nur angegriffen. Helfen tun solche Angriffe nicht.
Deinem Text meine ich aber zu entnehmen, daß es zwischen Euch um mehr geht. Röcke sind nur ein Nebenschauplatz. Es geht doch letztlich um Macht. Du willst Dir keine Vorschriften mehr machen lassen und deine Mutter fürchtet um ihren „Guten Ruf". Schließlich steht SIE vor ihren Nachbarn, Verwandten und „Freunden" als Versagerin da, die es nicht geschafft hat ihren Jungen „richtig" zu erziehen. Au, weia und Hausmann bist auch noch ! Die andere Seite ist, daß deine Mutter nicht so schnell aus ihrer Haut kann. Sie war sicher ihr Leben lang, damit beschäftigt alles „richtig" zu machen. Ihre Ängste hat sie Dir aufgedrückt. Laß mich raten: Sie hat Dich kontrolliert und versucht es immer noch, oder ? Kontrolle killt Beziehungen ! Da heißt es sich abzugrenzen und ein eigenständiges Leben dagegen zu setzen. Dazu muß man aber unabhängig werden.
„Und ich halte es fuer UNANSTAENDIG, bei solch einem Wetter in einer kurzen Hose zu erscheinen." Der Satz könnte von Deiner Mutter stammen ! Was ist daran unanständig ? Fahr' mal nach Australien, da predigen selbst Pastoren in kurzen Hosen, hab' ich mir von einem Australier sagen lassen - in D'land ist das „natürlich" unvorstellbar. Ich glaube dieses „unanständig" ist mehr der Versuch einer Ausrede um doch im Rock zu kommen - das muß Deine Mutter durchschauen !
Mein Rat: Schlag' einen weniger heftigen Ton an ! Steh' trotzdem zu Deinen Meinungen. Und geh' notfalls einige Zeit auf Abstand.
Verwandtschaft ist immer irgendwie schwierig, ich weiß. Und falsche Harmonie ist da sicher auch fehl' am Platz. Aber „Machtspielchen" am Thema Rock auszutragen ist auch ziemlich aussichtslos. Da macht Deine Mutter dann einfach die Schotten dicht und wird starr und unbeweglich. Überleg' mal über welche Dinge Du wirklich mit ihr streiten möchtest.

Gruß
Tom C.

P.S.: Wer ist Peter Wenzel ???? TC

ferngesteuerter Roboter

X, Sunday, 30.06.2002, 23:54 (vor 8678 Tagen) @ TomC

Hi Tom,

so lange mich meine Eltern "fernsteuern" wollen UND ES AUCH SCHAFFEN, so lange spiele ich Theater. Ich habe meine ganze Jugendzeit ueber meinen Eltern Theater vorgespielt. Weil es besser war als die Hoelle, die ich sonst bei ihnen und in meinem kleinen Doerfchen erlebt haette. Denn auf Schutz und Rueckhalt bei meinen Eltern, darauf haette ich nicht hoffen duerfen! Was nicht sein darf, das ist nicht. Nicht in einem Oberbayerischen Bauernbiffi-Dorf!

Wenn meine Eltern eine "Bitte" aussprechen und ich diese in Form eines Hosentragens sofort verwirkliche, dann funktioniere ich so gut wie ein geoelter, gut programmierter Roboter - oder eben wie eine Marionette. Was sie dann aber vor sich haben, das bin nicht ich! Das ist meine Rolle, mein Schauspiel.

Du sagst, ich wuerde sie mit solchen Worten angreifen. Wieso? Ich mache keine Unterstellungen, keine Vorwuerfe, keine falschen Behauptungen, ich lege nur die FAKTEN an den Tag. Und einer dieser Punkte ist eben, dass ich nicht bereit waere, fuer meine eigenen Eltern eine Rolle in ihrem Theater zu spielen. Ich wuerde halt gern mal ICH bei meinen Eltern sein. Bis zum Alter von 20 Jahren - da habe ich geheiratet - konnte ich sowieso nicht ICH sein.

Meine Eltern glauben ein Kind zu haben. Ich frage mich wer es sein koennte. Immer wieder erfahre ich, dass ich es nicht sein kann. Ich kann seine Rolle uebernehmen. Dann werde ich quasi von ihnen gemocht. Aber dazu muss ich mich verstellen. Ich mag mich nicht mehr verstellen. Ich mag endlich ich sein! Ist das so schwer zu verstehen?

Ich habe gut 35 Jahre hinter mir. Gut 25 Jahre lang scheine ich der Gesellschaft
erfolgreich Theater vorgespielt zu haben. Ich bin muede, ich kann nicht mehr, ich mag nicht mehr. Jetzt werdet ihr denken, ich haette ja noch viele Jahre vor mir, in denen ich nun endlich so sein kann wie ich will, nachdem ich es geschafft habe, gewisse Fesseln zu sprengen. Ich fuerchte aber, ich hatte diese Fesseln so lange und so fest, dass die Durchblutung wichtiger Bereiche zu ungenuegend war und mir dies so sehr geschadet hat, dass ich mich freue, wenn ich es ueberhaupt noch schaffe, ein biologisches Alter von 50 Jahren zu erreichen.

Überleg' mal über welche Dinge Du wirklich mit ihr streiten möchtest.

Streiten will ich mich mit ihr ueberhaupt nicht. Ich faend´s nur einfach ein schoenes Gefuehl, wuerde ich von ihr so akzeptiert werden wie ich wirklich bin.

X

P.S.:
Wer Peter Wenzel ist? Auch diese Frage habe ich mir aufgeschrieben. Ich werde es nicht vergessen, auch sie in den naechsten Wochen zu beantworten.

X


<ul><li>Meine HP</ul>

Re: Fax an meine Mama

Johannes, Monday, 01.07.2002, 17:46 (vor 8677 Tagen) @ X

>Schade nur, dass meine Mutter, genauso wie sehr viele andere Menschen
solche Texte zwar sehr toll, faszinierend, bewegend, anregend, und so
weiter finden, sie es dennoch aber nicht mal ansatzweise schaffen, so oder
aehnlich zu leben.

<center>das kommt mir sehr bekannt vor</center>

Johannes

Re: Fax an meine Mama

StefanW, Tuesday, 02.07.2002, 10:33 (vor 8676 Tagen) @ X

Hi X,

schade, dass du in diesem sachlichen, emotionslosen Ton mit deiner Mutter reden oder noch schlimmer schreiben musst. Musst du es wirklich? Oder versteckst du dich nur hinter deinen nuechtern dargebotenen Fakten (die ja alle richtig sind), anstatt ein direktes verstaendnisvolles Gespraech zu suchen aus Angst ja doch nicht gegen deine Mutter zu bestehen!?

Die Fronten scheinen ja ziemlich verhaertet zu sein. Aber genauso wie du dir wuenschst, dass sie deinen Standpunkt toleriert solltest du auch ihre Einstellungen akzeptieren. Es gibt eben Menschen die nicht mit unseren Ueberzeugungen zurecht kommen. Zwar sollte man versuchen sie umzustimmen, aber deswegen gleich den gesamten Familienfrieden aufs Spiel zu setzen ist doch zuviel. Familie ist sehr wichtig, ob in Rock oder Hose. Akzeptiert euch beide wie ihr seid, und wenn es deine Mutter nicht kann, dann sei du der kluegere und versuche es immer mal wieder mit einer 'kleinen Dosis Rock' in einem Umfeld, wo sie keine Befuerchtungen wegen ihren Nachbarn haben muss (z.B. bei dir zu Hause).

Alles Gute
Stefan