Konventionen (Beitrag fuer ´Traditionsbewusste´)
Subject: Konventionen (Beitrag fuer ´Traditionsbewusste´)
(Konvention, die; -, -en <franz.> (Abkommen, [voelkerrechtl.]
Vertrag; meist Plur.: Herkommen, Brauch, Foermlichkeit); (Duden;
Rechtschreibung der deutschen Sprache; 21. Auflage))
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Hi Johannes,
bitte lies erst den Beitrag f6.parsimony.net/forum6585/messages/20804.html.
Danke
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Hallo (mal wieder),
die in den letzten Wochen von mir verfassten Beitraege haben mir doch recht
zu denken gegeben, in wie weit es OK ist, gegenwaertige, gesellschaftliche
Normen, Regeln, Denkweisen und Definitionen im eigenen Interesse einfach
ueber den Haufen zu werfen.
Klar, dies zu tun ist ein Zeichen fuer die eigene Jagd nach Freiheit.
Nichts und niemand wird einfach so akzeptiert, alles wird hinterfragt,
kritisiert und richtig gestellt.
"Wir duerfen unsere Geschichte nicht vergessen", habe ich als
Schueler immer gehoert. Doch irgendwann hatte ich den Eindruck, dass wir
Menschen nicht aus unserer Geschichte lernen. Irgendwann habe ich dann
meine Gedanken sogar mal schwarz auf weiss gelesen. Seither sage ich auch
laut: Wir Menschen lernen eh nichts aufgrund unserer Geschichte.
Denn wenn dem so waere, dann gaebe es doch schon laengst keine Kriege mehr,
dann gaebe es keine Unterdrueckung von Minderheiten mehr, das Wort
´Auslaenderfeindlichkeit´ wuerde bei uns in Deutschland nie verwendet
werden, und und und.
Man erlebt es immer wieder, dass Menschen die Geschichte nur dafuer
verwenden, um das eigene Gedankengut, die eigenen Zielsetzungen und
Forderungen zu rechtfertigen. Egal, ob es nun um die Maennerherrschaft
ging, die auch vor rund 2000 Jahren in der katholischen Kirche Einzug
gehalten hat, da sie sich u.a. auf den Jahrhunderte vorher gelebten
Philosophen Aristoteles stuetzte, statt sich auf dessen Lehrer Platon zu
berufen. Ob es nun um Gebietsansprueche der letzten paar Jahrhunderte von
Laendern/Regierungen geht, oder um Leute wie uns, die wir ja schliesslich
alle wissen, dass der Mann nicht seit seiner Existenz Hosen getragen hat.
Wir suchen in der Geschichte, moeglicherweise sogar in der Bibel -obwohl
sie ja sonst nie aufgeschlagen wird- nach ´Halt´ fuer die Ziele, die wir
durchsetzen wollen.
S. zum Beispiel sind Meister im leicht umdefinieren von eigentlich sonst
recht gelaeufigen Worten mit dem Ziel, das Verstaendnis fuer ihre Denkweise
bzw. ihre RELIGON zu foerdern. (Das Wort R.....N habe ich jetzt bewusst so
geschrieben, weil deren Herleitung auf dem Wortstamm ´religo´, statt
´religio´ basiert, soweit ich das noch richtig in Erinnerung habe.)
Wenn ich davon spreche, dass ich "Zyniker" bin, dann weiss jeder von uns in
Deutschland, was damit gemeint ist, oder? Uebersetze ich das Wort mit Hilfe
von Woerterbuechern in andere Sprachen, so wissen auch die in deren
Laendern als was ich mich bezeichne. So, und wenn ich jetzt ploetzlich
merke, dass andere meinen, ich wuerde mich gern auf "grausame, beleidigende
Weise spoettisch" [siehe Duden] ueber andere lustig machen, dann sollte ich
davon eigentlich nicht geschockt sein. Der Grund, ich habe ein Wort
gebraucht, das im deutschen Sprachraum eine ganz bestimmte Bedeutung hat.
Nachher dann daherzukommen und zu sagen, dass ich das Wort "zynisch" aus
dem Englischen "cynical" uebersetzt habe, und ich lediglich Anhaenger der
philosophischen Denkweise von DIOGENES bin, das ist etwas zu spaet, wuerde
ich mal sagen. Also nehme ich wohl besser zur Sicherheit gleich das
MOMENTAN im deutschen Sprachraum gelaeufige Wort "Kyniker" her, auch wenn
es in meinen Augen nicht so passend ist. Aber immerhin muss ich dann
gewisse Unklarheiten im Nachhinein nicht richtig stellen.
Jetzt gibt´s da manche (von uns), die graben in der Geschichte herum, um
ihren Strumpfhosenfetischismus oder ihre Rock- und Kleidbegeisterung zu
rechtfertigen. Da werden ganze Abhandlungen darueber geschrieben und HPs
erstellt, die wirklich sehenswert sind! Und doch, es wird da nur aus der
Geschichte was hervorgeholt, um die eigenen Ziele besser rechtfertigen zu
koennen. Denn Tatsache ist nun mal, dass es bei uns in Deutschland
entsprechend der gegenwaertigen Konventionen ganz einfach "unueblich"
(=nicht der Norm entsprechen) ist, wenn sich ein Mann in Strumpfhose und
Rock in der Oeffentlichkeit sehen laesst.
Wir unterliegen heute im Jahre 2002 nicht den Gesetzen des Alten Testaments
und auch nicht den Gesetzen des Mittelalters. Seien wir froh darueber.
"Aber vor 300 Jahren war das und das noch erlaubt!" So ein Satz ist doch
geradezu laecherlich. Es interessiert nicht was vor 300 Jahren war. Es
interessiert nur das was momentan die gegenwaertigen Konventionen/Braeuche
sind. Vor 1500 Jahren zum Beispiel gab´s keine Moslems. Vor 1500 Jahren
gab´s nicht dieses Verschleierungsprinzip -na, irgendwo gab´s sicherlich
irgendwelche ´Extreme´. Es interessiert nicht was damals war. Entscheidend
ist, in welcher Gesellschaft wir JETZT leben. Und in genau dieser
Gesellschaft muessen wir uns mit unseren Neigungen / Interessen / Vorlieben
behaupten.
In meinem Fall laeuft das u. a. folgendermassen ab:
1. Ich versuche mit den Wortdefinitionen zu kommunizieren, die gegenwaertig
bei uns ueblich sind.
2. Ich trage Roecke weil es mir gefaellt, weil ich mir darin gefalle, weil
ich es JETZT UND HIER schick UND mutig finde. (Und dabei ist
es mir voellig egal, was irgendwer vor Jahrhunderten getragen hat!)
3. Ich lebe "cynical" weil dies meiner philosophischen Denkweise
entspricht. (Soweit das mit Familie moeglich ist.) Nicht, weil einem
gewissen Sokrates nachgesagt wird, er haette auf einem Basar oder so
irgendwo mal gesagt: Was ich doch fuer eine Menge Sachen nicht
brauche!
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P.S.:
Ich entspreche sehr oft nicht den ueblichen Konventionen. Doch wenn ich
weiss, wie die Konventionen in Wirklichkeit aussehen, dann kann ich
zumindest im Grossen und Ganzen Unklarheiten und Missverstaendnisse
vermeiden.
Mahatma Gandhi begang mal einen "himalayagrossen Fehler", den er auch sehr
bereute. Nun ein Zitat aus "Mahatma Gandhi - Handeln aus dem Geist
(Herderbuecherei; Texte zum Nachdenken)":
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"Wir wollen nun sehen, worin dieser himalayagrosse Fehler bestand. Ehe
jemand dazu geeignet ist, zivilen Ungehorsam zu leisten, muss er den
Gesetzen des Staates willig und achtungsvoll gehorcht haben. Zumeist
gehorchen wir diesen Gesetzen aus Furcht vor den Strafen beim Verstoss
gegen sie, und das gilt besonders solchen Gesetzen gegenueber, die
kein moralisches Prinzip beruehren. Zum Beispiel wird ein ehr- und
achtbarer Mensch nicht ploetzlich stehlen, mag nun ein Gesetz gegen
das Stehlen bestehen oder nicht. Aber der gleiche Mensch wird keine
Reue empfinden, wenn er gegen die Vorschrift verstossen hat,
Fahrraeder nach Einbruch der Dunkelheit zu beleuchten. Tatsaechlich
ist zweifelhaft, ob wir auch nur den Rat, in dieser Hinsucht achtsamer
zu sein, gut aufnehmen wuerden. Aber er wird jede mit Zwangsandrohung
verbundene Bestimmung dieser Art beachten, sei es auch nur, um der
Unannehmlichkeit zu entgehen, sich wegen Uebertretung dieser
Vorschrift einer Verfolgung auszusetzen.
Solche Willfaehrigkeit ist jedoch nicht der willige und spontane Gehorsam,
der von einem Satyagrahi gefordert wird. Ein Satyagrahi gehorcht den
Gesetzen der Gesellschaft bewusst und aus freiem Willen, weil er es fuer
seine heilige Pflicht haelt, das zu tun. Nur wenn jemand solchermassen den
Gesetzen der Gesellschaft genau gehorcht hat, ist er in der Lage, zu
beurteilen, welche besonderen Gesetze gut und gerecht und welche ungerecht
und schlecht sind. Nur dann erwaechst ihm die Berechtigung, gewissen
Gesetzen unter genau bestimmten Umstaenden zivilen Ungehorsam zu
leisten. Mein Fehler lag darin, dass ich versaeumt hatte, diese
notwendige Begrenzung zu beachten. Ich hatte das Volk aufgerufen, zivilen
Ungehorsam zu leisten, bevor es sich solchermassen dazu qualifiziert hatte,
und dieser Missgriff schien mir himalayagross. Ich begriff, dass ein Volk,
..."
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