Konventionen (Beitrag fuer ´Traditionsbewusste´)

X, Sunday, 09.06.2002, 09:28 (vor 8698 Tagen)

Subject: Konventionen (Beitrag fuer ´Traditionsbewusste´)

(Konvention, die; -, -en <franz.> (Abkommen, [voelkerrechtl.]
Vertrag; meist Plur.: Herkommen, Brauch, Foermlichkeit); (Duden;
Rechtschreibung der deutschen Sprache; 21. Auflage))

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Hi Johannes,

bitte lies erst den Beitrag f6.parsimony.net/forum6585/messages/20804.html.

Danke

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Hallo (mal wieder),

die in den letzten Wochen von mir verfassten Beitraege haben mir doch recht
zu denken gegeben, in wie weit es OK ist, gegenwaertige, gesellschaftliche
Normen, Regeln, Denkweisen und Definitionen im eigenen Interesse einfach
ueber den Haufen zu werfen.

Klar, dies zu tun ist ein Zeichen fuer die eigene Jagd nach Freiheit.
Nichts und niemand wird einfach so akzeptiert, alles wird hinterfragt,
kritisiert und richtig gestellt.

"Wir duerfen unsere Geschichte nicht vergessen", habe ich als
Schueler immer gehoert. Doch irgendwann hatte ich den Eindruck, dass wir
Menschen nicht aus unserer Geschichte lernen. Irgendwann habe ich dann
meine Gedanken sogar mal schwarz auf weiss gelesen. Seither sage ich auch
laut: Wir Menschen lernen eh nichts aufgrund unserer Geschichte.
Denn wenn dem so waere, dann gaebe es doch schon laengst keine Kriege mehr,
dann gaebe es keine Unterdrueckung von Minderheiten mehr, das Wort
´Auslaenderfeindlichkeit´ wuerde bei uns in Deutschland nie verwendet
werden, und und und.

Man erlebt es immer wieder, dass Menschen die Geschichte nur dafuer
verwenden, um das eigene Gedankengut, die eigenen Zielsetzungen und
Forderungen zu rechtfertigen. Egal, ob es nun um die Maennerherrschaft
ging, die auch vor rund 2000 Jahren in der katholischen Kirche Einzug
gehalten hat, da sie sich u.a. auf den Jahrhunderte vorher gelebten
Philosophen Aristoteles stuetzte, statt sich auf dessen Lehrer Platon zu
berufen. Ob es nun um Gebietsansprueche der letzten paar Jahrhunderte von
Laendern/Regierungen geht, oder um Leute wie uns, die wir ja schliesslich
alle wissen, dass der Mann nicht seit seiner Existenz Hosen getragen hat.
Wir suchen in der Geschichte, moeglicherweise sogar in der Bibel -obwohl
sie ja sonst nie aufgeschlagen wird- nach ´Halt´ fuer die Ziele, die wir
durchsetzen wollen.

S. zum Beispiel sind Meister im leicht umdefinieren von eigentlich sonst
recht gelaeufigen Worten mit dem Ziel, das Verstaendnis fuer ihre Denkweise
bzw. ihre RELIGON zu foerdern. (Das Wort R.....N habe ich jetzt bewusst so
geschrieben, weil deren Herleitung auf dem Wortstamm ´religo´, statt
´religio´ basiert, soweit ich das noch richtig in Erinnerung habe.)

Wenn ich davon spreche, dass ich "Zyniker" bin, dann weiss jeder von uns in
Deutschland, was damit gemeint ist, oder? Uebersetze ich das Wort mit Hilfe
von Woerterbuechern in andere Sprachen, so wissen auch die in deren
Laendern als was ich mich bezeichne. So, und wenn ich jetzt ploetzlich
merke, dass andere meinen, ich wuerde mich gern auf "grausame, beleidigende
Weise spoettisch" [siehe Duden] ueber andere lustig machen, dann sollte ich
davon eigentlich nicht geschockt sein. Der Grund, ich habe ein Wort
gebraucht, das im deutschen Sprachraum eine ganz bestimmte Bedeutung hat.
Nachher dann daherzukommen und zu sagen, dass ich das Wort "zynisch" aus
dem Englischen "cynical" uebersetzt habe, und ich lediglich Anhaenger der
philosophischen Denkweise von DIOGENES bin, das ist etwas zu spaet, wuerde
ich mal sagen. Also nehme ich wohl besser zur Sicherheit gleich das
MOMENTAN im deutschen Sprachraum gelaeufige Wort "Kyniker" her, auch wenn
es in meinen Augen nicht so passend ist. Aber immerhin muss ich dann
gewisse Unklarheiten im Nachhinein nicht richtig stellen.


Jetzt gibt´s da manche (von uns), die graben in der Geschichte herum, um
ihren Strumpfhosenfetischismus oder ihre Rock- und Kleidbegeisterung zu
rechtfertigen. Da werden ganze Abhandlungen darueber geschrieben und HPs
erstellt, die wirklich sehenswert sind! Und doch, es wird da nur aus der
Geschichte was hervorgeholt, um die eigenen Ziele besser rechtfertigen zu
koennen. Denn Tatsache ist nun mal, dass es bei uns in Deutschland
entsprechend der gegenwaertigen Konventionen ganz einfach "unueblich"
(=nicht der Norm entsprechen) ist, wenn sich ein Mann in Strumpfhose und
Rock in der Oeffentlichkeit sehen laesst.

Wir unterliegen heute im Jahre 2002 nicht den Gesetzen des Alten Testaments
und auch nicht den Gesetzen des Mittelalters. Seien wir froh darueber.
"Aber vor 300 Jahren war das und das noch erlaubt!" So ein Satz ist doch
geradezu laecherlich. Es interessiert nicht was vor 300 Jahren war. Es
interessiert nur das was momentan die gegenwaertigen Konventionen/Braeuche
sind. Vor 1500 Jahren zum Beispiel gab´s keine Moslems. Vor 1500 Jahren
gab´s nicht dieses Verschleierungsprinzip -na, irgendwo gab´s sicherlich
irgendwelche ´Extreme´. Es interessiert nicht was damals war. Entscheidend
ist, in welcher Gesellschaft wir JETZT leben. Und in genau dieser
Gesellschaft muessen wir uns mit unseren Neigungen / Interessen / Vorlieben
behaupten.

In meinem Fall laeuft das u. a. folgendermassen ab:

1. Ich versuche mit den Wortdefinitionen zu kommunizieren, die gegenwaertig
bei uns ueblich sind.

2. Ich trage Roecke weil es mir gefaellt, weil ich mir darin gefalle, weil
ich es JETZT UND HIER schick UND mutig finde. (Und dabei ist
es mir voellig egal, was irgendwer vor Jahrhunderten getragen hat!)

3. Ich lebe "cynical" weil dies meiner philosophischen Denkweise
entspricht. (Soweit das mit Familie moeglich ist.) Nicht, weil einem
gewissen Sokrates nachgesagt wird, er haette auf einem Basar oder so
irgendwo mal gesagt: Was ich doch fuer eine Menge Sachen nicht
brauche!


X


P.S.:

Ich entspreche sehr oft nicht den ueblichen Konventionen. Doch wenn ich
weiss, wie die Konventionen in Wirklichkeit aussehen, dann kann ich
zumindest im Grossen und Ganzen Unklarheiten und Missverstaendnisse
vermeiden.

Mahatma Gandhi begang mal einen "himalayagrossen Fehler", den er auch sehr
bereute. Nun ein Zitat aus "Mahatma Gandhi - Handeln aus dem Geist
(Herderbuecherei; Texte zum Nachdenken)
":

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"Wir wollen nun sehen, worin dieser himalayagrosse Fehler bestand. Ehe
jemand dazu geeignet ist, zivilen Ungehorsam zu leisten, muss er den
Gesetzen des Staates willig und achtungsvoll gehorcht haben. Zumeist
gehorchen wir diesen Gesetzen aus Furcht vor den Strafen beim Verstoss
gegen sie, und das gilt besonders solchen Gesetzen gegenueber, die
kein moralisches Prinzip beruehren. Zum Beispiel wird ein ehr- und
achtbarer Mensch nicht ploetzlich stehlen, mag nun ein Gesetz gegen
das Stehlen bestehen oder nicht. Aber der gleiche Mensch wird keine
Reue empfinden, wenn er gegen die Vorschrift verstossen hat,
Fahrraeder nach Einbruch der Dunkelheit zu beleuchten. Tatsaechlich
ist zweifelhaft, ob wir auch nur den Rat, in dieser Hinsucht achtsamer
zu sein, gut aufnehmen wuerden. Aber er wird jede mit Zwangsandrohung
verbundene Bestimmung dieser Art beachten, sei es auch nur, um der
Unannehmlichkeit zu entgehen, sich wegen Uebertretung dieser
Vorschrift einer Verfolgung auszusetzen.

Solche Willfaehrigkeit ist jedoch nicht der willige und spontane Gehorsam,
der von einem Satyagrahi gefordert wird. Ein Satyagrahi gehorcht den
Gesetzen der Gesellschaft bewusst und aus freiem Willen, weil er es fuer
seine heilige Pflicht haelt, das zu tun. Nur wenn jemand solchermassen den
Gesetzen der Gesellschaft genau gehorcht hat, ist er in der Lage, zu
beurteilen, welche besonderen Gesetze gut und gerecht und welche ungerecht
und schlecht sind. Nur dann erwaechst ihm die Berechtigung, gewissen
Gesetzen unter genau bestimmten Umstaenden zivilen Ungehorsam zu
leisten.
Mein Fehler lag darin, dass ich versaeumt hatte, diese
notwendige Begrenzung zu beachten. Ich hatte das Volk aufgerufen, zivilen
Ungehorsam zu leisten, bevor es sich solchermassen dazu qualifiziert hatte,
und dieser Missgriff schien mir himalayagross. Ich begriff, dass ein Volk,
..."

---

X

religio

MAS, Monday, 10.06.2002, 19:06 (vor 8696 Tagen) @

Metager sei dank, habe ich die richtige Etymologie von "Religion" gefunden:


Religion

[lat. relegere "sorgfältige Beachtung", auch religari "rückbinden"]
Im Sinne der Religionsphänomenologie die Überschreitung der mit den Sinnen erfahrbaren Welt zu einem dem Dasein und der Welt sinngebenden Jenseits ( Transzendenz ), das als "wahres Sein" gilt, im Gegensatz zur sinnlichen Welt der Erscheinungen ( Maya ).

Der Religionshistoriker Mircea Eliade definiert R. als "hierophane Dialektik": Die Hierophanien deuten auf das Unwandelbare, Ewige, Absolute der transzendenten Welt, im Gegensatz zum Wandelbaren und Profanen des Diesseits. Durch ein Bekenntnis wird die R. in ihrer spezifischen Ausprägung (gekennzeichnet durch ihren Stifter, ihren historischen und kulturellen Hintergrund und die dadurch geprägte Glaubensform) in eine verbindliche Form gebracht. Phänomenologisch gesehen sind dadurch einzelne Religionen und Weltreligionen unterscheidbar. Religionen lassen sich dem Mono-, Poly- oder Pantheismus zuordnen und in Natur-R. (das Heilige ist für jeden erfahrbar), Offenbarungs-R. (gestiftete R., Offenbarungen werden in heiligen Schriften bewahrt), Volks-R. (an eine begrenzte Gemeinschaft gebundene R.) und Universal-R. (versucht alle Menschen zu erreichen) kategorisieren.


--

Gruß,

Michael


<ul><li>Begriffsbestimmung Religion</ul>

Re: religio

Collantix, Wednesday, 12.06.2002, 03:02 (vor 8695 Tagen) @

Servus beinand,

ich möchte gern noch etwas weiter zurückgehen:
Gibt es im Altgriechischen auch einen Begriff für Religion, oder hat "religio" griechische Wurzeln?
Der Begriff "Evangelium" hat ja auch seinen Ursprung im Griechischen:
"evanglion": frohe Botschaft

Vielleicht kann da jemand weiterhelfen.

Gruß

Collantix

Re: religio

MAS, Wednesday, 12.06.2002, 10:36 (vor 8695 Tagen) @ Collantix

Servus beinand,
ich möchte gern noch etwas weiter zurückgehen:
Gibt es im Altgriechischen auch einen Begriff für Religion, oder hat "religio" griechische Wurzeln?
Der Begriff "Evangelium" hat ja auch seinen Ursprung im Griechischen:
"evanglion": frohe Botschaft
Vielleicht kann da jemand weiterhelfen.
Gruß
Collantix

Hi Collantix,

das ist ja echt interessant, welche off-topic-Diskurse hier geführt werden. Ich bin, obwohl ich Religionswissenscgaftler bin, da leider auch überfragt. Meines Wissens, gibt es eine genaue Entsprechung des lateinischen "religio" in keiner anderen, nciht vom Lateinischen beeinflußten sprache. Sicher gab es im Griechischen Begriffe für "Kult", "Gottrede", "Gottesdienst" usw. Ich habe eine ältere Hausarbeit von mir im Rechner, in der es um die Entstehung christlicher Theologie geht. Ich gebe hier mal einen Teil davon wieder. Ganz zu Deiner Frage passt es leider nicht, aber ich habe gerade ncihts passenderes griffbereit.

Pfirti!

Michael


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1.) "Theologie" im vor- und außerchristlichen griechischen Kontext

Da "Theologie" ein Begriff griechischen Ursprungs ist, ist es notwendig, seinen Gebrauch in der griechischen Religion zu betrachten. "Theologia" (von "theos" = "Gott" und "logos" = "Wort, Rede") meint hier zunächst die Rede von Gott, den Göttern bzw. Göttinnen oder den göttlichen Dingen. Diese Rede fand in der griechischen Religion beim kultischen Rezitieren der Göttersagen und Lobreden auf die Gottheiten, also Götter und Göttinnen, statt. Insofern ist Theologie hier eng verbunden mit Mythologie, und in diesem Sinne hat Platon den Begriff gebraucht, der, soweit wir es anhand der Quellenlage beurteilen können, der erste oder doch zumindest einer der ersten Verwender dieses Begriffes war. Zusätzlich zum reinen Rezitieren gehörte für Platon aber auch das kritische Beurteilen der Mythen im Dienste der staatlichen Kindererziehung zur Theologie. Insofern die griechische Religion Volks- oder Stammesreligion war, was eine enge Verbindung von sozialer Harmonie und religiösem Heil beinhaltet, war der Erhalt der Gemeinschaft durch gemeinsamen Kult an den Gottheiten eine ihrer vornehmsten Aufgaben. Und so hatte die Theologie die Aufgabe, den heranwachsenden Mitgliedern der Gemeinschaft ein Bild von den Gottheiten zu vermitteln, welches ihrer sittlichen Ausbildung zuträglich war. So forderte Platon, der Staat dürfe nur solche Sagen zulassen, welche die Gottheiten nicht als Urheber des Bösen, als wandelbar oder als zum Lügen fähig beschreiben. Man kann also behaupten, Platon habe als Theologie eine Funktionalisierung der Religion im Dienste einer politisch motivierten Pädagogik betrieben, während er sein Nachdenken über die letzten Dinge nicht als Theologie, sondern als Philosophie bezeichnete.
Erst bei Aristoteles, der auch Mythendichter wie Hesiod oder Homer als Theologen bezeichnete, findet man aber auch einen Gebrauch des Begriffes im Sinne einer Forschung nach den letzten Ursachen, also als Metaphysik oder erste Philosophie, als welche er die Theologie neben die Mathematik und die Physik als dritthöchste theoretische Wissenschaft setzt.
Doch blieb lange Zeit die Verwendung von "Theologie" als philosophische Disziplin hinter der als kultische Kündung von den Gottheiten zurück. So wurden "Kultbeamte in Delphi [...] und später im Kaiserkult und in anderen hellenistischen Kulten [...], die neben den Hymnoden den Kultmythos vorzutragen hatten" als Theologen bezeichnet, wobei es in den hellenistischen Kulten auch weibliche theologoi gab.
In der stoischen Philosophie wurde diese religiöse Rede von den Gottheiten dann aber zur philosophischen Rede vom Göttlichen erweitert. Die Stoiker sahen in dieser philosophischen Theologie eine fortgeschrittene Abart der kultischen Theologie, und sie sollte es "dem Gebildeten ermöglichen, sich teils kritisch verstehend, teils loyal mit den antiken Erscheinungsformen des Religiösen abzufinden". Im Weiteren kam es in der stoischen Philosophie zu einer Unterscheidung von drei Arten von Theologie: die mythische Theologie der Dichter, der politischen Theologie der Gesetzgeber (beides platonische Elemente) und der physischen Theologie der Philosophen (aristotelisches Element), eine Einteilung, die wohl auf Panaitios (2. Jhdt. v. Chr.) zurückgeht und bei Varro (1. Jhdt. v. Chr.) belegt ist.
Die Verwendung von "Theologie" in der griechischen und hellenistischen Antike zeigt also sehr schön die Spannung zwischen mythischem und logischem Denken, welche damals aufkam. Denn zuerst steht der Begriff ganz im mythisch-kultischen Kontext und gelangt nach und nach in den mythoskritischen Kontext des logischen Denkens. Die "Logie" in "Theologie" bezeichnet zuerst nur einfach die Rede oder das Wort, später aber zunehmend die vernünftige Erklärung oder Rechtfertigung, welche zur einfachen Rede eine kritische Position einnimmt. Man kann sagen, daß noch nicht so recht bei Platon aber bei Aristoteles die Theologie als metaphysisches Denken die Theologie als mythische Rede ablöst. Parallel dazu wird die alte Bedeutung aber weiter verwendet, und der Doppelsinn des Wortes setzt sich auch in der christlichen Verwendung fort, wozu noch die spezifisch biblische Bedeutung von "Wort Gottes" kommt.

Re: Vielleicht...

Collantix, Wednesday, 12.06.2002, 17:48 (vor 8694 Tagen) @ MAS

...hätte ich doch Altgriechisch lernen sollen.
Daß Theologie aus dem Griechischen kommt, war mir nicht bewußt, obwohl es im Nachhinein logisch erscheint.

Vielen Dank, Michael, für die Ausführungen!
Na ja, die Christianisierung wurde ja von den Römern betrieben
Gruß

Collantix