Lesenswert - Erheiternd

Batumi, Friday, 05.04.2002, 17:53 (vor 8768 Tagen)

Grau ist nur ein anderes Wort
Zum Beispiel für Beige. Und das könnte wiederum eine Chiffre für Männermode sein. Aber wozu braucht ein Mann überhaupt eine dritte Hose oder eine beige Jacke?


Wolfgang Weisgram sucht Antworten.

Im Grunde ist das alles naturgemäß so was von wurscht, dass man jetzt und auf der Stelle von etwas anderem, etwas Gegenteiligem womöglich, zu reden anfangen müsste. Leider aber ist es so, dass man frau im Verlauf des gesamten Evolutions-und Sozialisationsprozesses aus vielerlei, hier nur kursorisch als "Gründe" wiedergegebenen Gründen auf den Leim gegangen ist und weiterhin geht. Und deshalb reden wir jetzt und hier - obwohl an sich und eigentlich Ostern wäre - über die Mode.

Reden wir also über Mode, worüber reden wir dann? Versuchen wir es einmal so: Heute vor so und so vielen Jahren ist der Herrgott von uns gegangen, um am Samstagabend gemeinsam mit den in Rom urlaubenden Glocken zurückzukommen. Uns aber beschäftigt, dass die nun ganz besonders zu bevorzugende Farbe für Anzüge Beige sei. Beige! Man spreche dieses Wort einmal laut und akzentuiert aus. Und schon wird man ein Gefühl dafür bekommen, worum es jetzt, in der Mode und um die Mode herum, geht. Beige! Beige! Beige!

Und jetzt stelle man sich dieses laut herausgewürgte Wort Beige im Zwiegespräch vor. Stelle sich vor, wie es irgendeinen x-beliebigen Walter oder Richard oder Karlheinz am Gründonnerstag nach Dienstschluss ins Wirtshaus verschlagen hat. Dort stünde er dann zum Beispiel an der Schank. Nach wenigen Minuten stellte sich ein anderer Walter oder Richard oder Karlheinz dazu. Und der sagte auf einmal: "He, Walter, schon gehört? Im heurigen Frühjahr trägt man Beige!" Der eine Walter wäre bass erstaunt: "Beige?" Der andere Walter: "Ja, wenn ich es dir doch sage." Und zu aller Letzt zöge dieser andere Walter ein Modemagazin - ein altes, zusammengefaltetes RONDO - aus der Handtasche, die er, weil man allgemein auch, dabeihat. Und gemeinsam schmökerten sie darin. Wiesen begeistert auf diesen Anzug und jenes Sakko, und im Hinterkopf trügen sie stolz ein Wort heim an den Herd: Beige!

Niemand kann genau sagen, von wem die Frauen das haben, das mit der Mode. Die Männer aber haben es fraglos von ihnen. Und wenn immer einer von ihnen sich diesbezüglich interessiert zeigt ("Tatsächlich? Die Farbe, die man heuer trägt, ist wirklich Beige?"), tut er, was Gescheitere vor ihm punktgenau "einweimberln" genannt haben.

Im Grunde ist der Mann eine genügsame Erscheinung. Zwei Hosen genügen ihm. Ist eine beim Waschen, kann er immer noch die andere anziehen. Das Sinnbild der modischen Nebbichkeit hat uns Mickey Rourke hinterlassen. Kim Basinger, die während der filmfüllenden neuneinhalb Wochen bunt und mit allerlei textilem Zierzeug versehen in sein Singledasein geplatzt war, hat irgendwann einmal seinen Kleiderkasten geöffnet. Drinnen hingen gut dreißig Anzüge, einer neben dem anderen, einer wie der andere: grau. Aber grau ist in diesem Fall nur ein anderes Wort für beige.

Frauen - nur zur Erinnerung: Das sind jene Wesen, die sich nicht davon abhalten lassen, Dinge wie Stöckelschuhe okay zu finden, sogar an den eigenen Füßen - mögen an Phänomenen wie der Farbe Beige Spaß finden. Zugute halten kann man ihnen, dass sie diesen ja sonst nicht so häufig haben. Männer freilich haben von Bubenbeinen an das Modische nur als eigenes Geraunze und mütterliches Gemahne erlebt. Die modischen Highlights des Bubenlebens beschränken sich auf Bemerkenswertigkeiten wie "Kommunionsanzug", "Firmanzug", "Maturaanzug", und nach diesen dreien ist der modische Horizont restlos verstellt: Man hat schlicht genug davon für den Rest des Lebens.

Dummerweise gibt es den Jahreswechsel, der zur Modifikation der Kleiderordnung zwingt. Ebenso regelmäßig ereignet sich auch der Lebensabschnittswechsel. "Maturaanzug" mag als "Promotionsanzug" gerade noch durchgehen, wenn fleißig studiert wurde. Als Hochzeiter hat man schon Schwierigkeiten, die sich danach ungefähr biennalisch wiederholen, weshalb die kleidermäßig so geschurigelten Beamten so hartnäckig an ihren gleichnamigen Gehaltssprüngen festhalten. Das ist bei den Frauen nicht anders. Aber anders als bei ihnen ist die an der Erweiterung des Körpers hängende Verkleinerung des Gewandes für die Männer tatsächlich der Grund und nicht bloß der Anlass fürs Kleiderwechseln.

Alles, was darüber hinausgeht - die Farbe Beige zum Beispiel -, ist ein Fall für die Tante Jolesch, die zu Recht die Geschichte von der Schönheit des Mannes und dem Luxus in die Welt gebracht hat. In der Wahrhaftigkeit dieser Geschichte liegt die Ursache dafür, dass Frauen keinen wirklichen ästhetischen Sinn haben. Ihre genetisch oder wie immer festgelegte sexuelle Orientierung zwingt sie dazu, Wesen wie Männer schön zu finden. Aus den auf der Hand liegenden Gründen der diesbezüglichen Überbeschäftigung fehlt ihnen die Möglichkeit, darüber hinaus die Welt ästhetisch zu erfahren. Die weibliche Entsprechung dazu ist es, die Welt in Unscheinbare zu teilen und in Scheinbare.

Wozu aber, frägt der Mann, braucht er dann eine dritte Hose oder eine beige Jacke? Wenn er ohnehin und widerspruchslos schon der Unscheinbare ist? Die Antwort darauf wird der geneigte Leser in diesem RONDO finden. So er sie nicht ohnehin schon längst darin gefunden hat.

derStandard/rondo/29/3/02