Domagktage

Miguelito, Monday, 23.07.2001, 23:19 (vor 9012 Tagen)

Hallo zusammen,

weiter unten hat Markus von den Domagktagen, einem Künstler- und Kulturfestival in einer ehemaligen Kaserne, und dass dies eine gute Gelegenheit zum Rocktragen wäre. Nun gut, da gestern der letze Tag dieser Veranstaltung war, bin ich als kunstinteressierte Mensch dorthin gefahren, natürlich wie sich das an so eineim heißen Tag gehört, in einem Sarong. Bin dort über Gelände marschiert. Und habe mir einige Ateliers angesehen. Aber besonders hat mich eine Aktion interessiert, die "Ein Bild von dir" hieß. Eine Zeichnerin machte in ihrem Atelier Modeskizzen von jedem, der dazu Lust hatte.

Ich schaute ihr zu, wie sie gerade eine Frau in dunkelgrauem Top und dunkelgrauer Hose zeichnete. Als sie fertig war, frage sie mich, ob ich auch eine Zeichnung haben möchte. "So ein außergewöhnliches Outfit muss schon dokumentiert werden." Und ich sagte, "Gut, mache ich!" Und während sich zeichnete sprachen wir ein bisschen miteinander. Sie fragte mich, ob ich nur heute oder auch sonst Röcke tragen würde. Und als ich ihr sagte, dass ich sonst mit Saron auf die Straße gehe, fand sie das sehr gut. Ich wollte explizit von ihr wissen, ob das ganze zu mir passen würde, und sie meinte "Ja doch. Ihr Rock hat sehr schöne Farben. In den achziger Jahren wurde der Männerrock schon öfters propagiert, aber außer ab und zu in einer Disko hat ihn kaum ein Mann angezogen."

Ihre Kollegin, die ebenfalls anwesend war, fügte hinzu, dass der Mann einer Freundin zu Hause ab und zu Röcke von seiner Frau getragen hätte und seine Frau das auch gut fand, aber als es einmal an der Tür klingelte und er im Rock öffnete, war ihm das Ganze furchtbar peinlich. Und danach rührte er keinen Rock mehr an. Ich finde, wir sollten so oft es geht berockt auf die Straße gehen, damit zögerliche Geschlechtsgenossen ermutigt werden, es uns gleich zu tun.

Auf alle Fälle fand ich das Erlebnis sehr positiv. Öfters habe ich zu hören bekommen, es erfordert Mut, um als Mann in einem Rock auf die Straße zu gehen.
Ich denke mir, dass ganz andere Dinge wirklich Mut erfodern. Bungee-Springen zum Beispiel. Aber Röcktragen ist doch nicht so schlimm, oder? Eher im Gegenteil.

Naja, als ich wieder zur U-Bahn ging, sah mich ein etwa 16-Jahre altes Mädchen und kicherte drauflos. Und dann frage sie, wahrscheinlich brauchte sie auch etwas Mut dafür, warum ich einen Rock tragen würde. Ich frage sie - das habe ich von Ferdi gelernt - warum sie eine Hose tragen würde.
Sie:" Für mich ist das ganz normal eine Hose zu tragen."
Ich:" Für mich ist das ganz normal einen Rock zu tragen." Und damit war der Fall erledigt.

Trotzdem, das positive Feedback, in dem Zeichenatelier war das positive Erlebnis des Tages. Die Künstlerin erzählte mir, dass sie Modezeichnen an der Münchner Meiserschule für Mode studiert habe. Also, wenn so eine Frau sagt, dass Sarongs sowohl von der Zusammenstellung als auch vom Typ herzu mir passen würden, ist das doppelt positiv.

Und dann habe ich mir noch etwas überlegt: Diese Aktion hieß "Ein Bild von dir" Und eigentlich ist es das Bild von uns, das wir im Kopf haben. Wenn wir uns im Rock als ganz normale Männer sehen, dann prägt dieses Bild unsere Selbstwahrnehmung. Und das strahlen wir dann auch aus und vermitteln es unseren Mitmenschen. Und das kann nur positiv sein.

Viele Grüße

Michael

Re: Domagktage

KtV, Tuesday, 24.07.2001, 00:50 (vor 9012 Tagen) @ Miguelito

Hallo Michael,

prima Erlebnis, mal vorab
>Ich denke mir, dass ganz andere Dinge wirklich Mut erfodern. Bungee-Springen zum Beispiel. Aber Röcktragen ist doch nicht so schlimm, oder? Eher im Gegenteil.

Ohh, das würde ich schon etwas anders interpretieren
Der Mut beim Bungee-Springen ist nach landläufigen Klischee eines sicherlich verkrampften Männlichkeitsbild dazu da, als Krücke zum Männlichkeitsbewußtsein zu dienen.

Ein Rock ist das nicht
Nur wird dabei stets geflissentlich übersehen, daß der größte Mut darin besteht, zu sich und seine Anschauungen zu stehen
Was ist jetzt Mutiger? Rock oder Bungee? Oder gar: Ich bin frei?

Gruß

KtV