Liebe Rocker,
ich verfolge Euer Forum schon seit einiger Zeit und zaehle mich auch zu den aktiven Rocktraegern, da ich es schon haeufig erfolgreich in Deutschland sowie in Schweden und England ausprobiert habe.
Da ich seit ueber einem Jahr an der Westkueste der USA lebe, will ich auch mal meinen Senf dazugeben - quasi als vor-Ort-Eindruck.
- In der Zeit, die ich hier lebe, war ich nur zweimal mit dem Rock unterwegs. An Halloween laufen eh viele "kostuemiert" herum, und beim anderen Mal war ich in einem bekannten Touristenzentrum. Einige Blicke, aber ansonsten harmlos.
- Die USA sind mega-pruede, und die sog. Gender Stereotypes sind hier viel ausgepraegter!!! Hier ist es wichtig, dass Babys bereits geschlechtsspezifisch angezogen werden: rosa und blau. Die Bildmotive auf der Kleidung sind dann entweder niedlich oder gewaltfixiert. Wenn man hier in Babyabteilungen oder Spielwarenabteilungen schaut, kann man das kalte Grausen kriegen - und das praegt Erziehung und Wertesystem. Da ist Deutschland wesentlich neutraler!
- Wenn man dann noch beruecksichtigt, dass man im angeblich freisten Land der Welt ueber "alles" reden darf, (nur nicht ueber Sex - in den Medien werden alle nackten geschlechtsidentifizierenden Koerperteile ausgeblendet, und "boese" Worte werden ausge-beept), dann kommen weitere Zweifel an der ansonsten sprichwoertlichen Toleranz auf.
- Beruecksichtigt man schliesslich noch die weit verbreitete Gewaltbereitschaft (Stichwort: die schier unglaubliche Zahl der "Waffenunfaelle") dann ueberlegt man sich noch etwas laenger, ob man sich im Rock auf die Strasse wagt.
- Und ob die bereits von Euch angesprochenen Gesetze, die in einigen Staaten dem Mann das Tragen von "Frauenkleidung" verbieten, nicht mehr angewendet werden - ich waere mir nicht immer sicher. Besagte Pruederie geht naemlich so weit, dass Du fuer das Pinkeln in der Oeffentlichkeit in den Knast gehen kannst. Ein Freund durfte es vor ein paar Jahren am eigenen Leib erfahren, weil er sein Kind an einem Baum abgehalten hat. Eine Bekannte wurde von der Polizei an einem einsamen Highway mit dem Lautsprecher aus den Bueschen gescheucht. Bei manchen Dingen (dazu zaehlen auch das Trinken von Alkohol in der Oeffentlichkeit oder das Oeffnen der Bluse am falschen Strand) werden hier sehr empfindlich geahndet. In New York (?) versucht frau durchzusetzen, dass in der Oeffentlichkeit gestillt werden darf. (Sieht man sehr selten, und dann auch nur unter blickdichten Tuechern.) Das sollte als Denkanstoss genuegen.
- In meiner Zeit hier habe ich genau 1 (!) Mann im Rock gesehen, und das im Eingang eines Versammlungshauses. Ob er also so in der breiten Oeffentlichkeit war, kann ich nicht sagen, doch begruesse ich das ganze sehr.
- Allerdings muss man den Amis zugutehalten, dass sie bei anderen Dingen etwas toleranter zu sein scheinen. So habe ich Kollegen mit eindeutigen Frauennamen, und es gibt viele Frauen mit (fuer mich) eindeutigen Maennernamen. Das wuerde man so in Deutschland nie durchbekommen. Ich habe lange lockige Haare und trage gerne laengere Ohrringe. In Deutschland habe ich mir trotz Anzug und Krawatte schon einige Poebeleien anhoeren muessen ("Eh, bisse a Weiberl?"), waehrend die Haare hier in USA kaum auffallen und die Ohrringe lediglich zu Glotzereien fuehren. Allerdings sagt man hier nie negative Dinge, sondern nur positive. Insofern relativiert sich das wieder etwas.
Nichts fuer ungut, aber angesichts der gewaltorientierten und deutlicher geschlechtsspezifischen Erziehung und Gesellschaft hier fuehle ich mich mit Rock trotz allem in Europa wohler.
----- Gruesse aus USA, B.J.
P.S.: Nachdem einige Neu- (und sicherlich auch ein paar Alt-) Rocker fuer Tips in jeder Richtung dankbar sind, rege ich hiermit folgendes an (vielleicht auf einer Eurer Homepages):
- Sammlung von Argumenten und Fakten, mit denen man der Familie und Freunden das Rocktragen naeherbringen kann (ich vermeide "rechtfertigen").
- Ein paar "Killer"-Argumente und -sprueche. Die Story von der Tankstelle ("Welches Geschlecht hast Du denn, wenn Du Deine Hose abends ausziehst?") war einfach toll.
- Eine Sammlung von Zeitungsartikeln (gibt es zum Teil schon).
Diese Art von Information ist zwar vorhanden, aber eben sehr gestreut. Eine Sammlung hingegen ermoeglicht den schnellen Zugriff auf das geballte Expertenwissen und hilft insofern, dass jeder sich schnell eine groessere Wissensbasis fuer den "verbalen Schlagabtausch" aneignen kann.
Was meint Ihr?
P.P.S.: Warum haben viele Maenner eigentlich diese Beruehrungsaengste mit sogenannten "weiblichen" Dingen? Da beschleicht einen das Gefuehl, dass diesen Jungs dabei "etwas aus der Hose fallen wuerde", oder dass das irgendwie eine ansteckende Krankheit ist
))))))))))